Der Ausbruch (23)

23.

In den nächsten Tagen merkte ich, dass ich nicht mehr fror. Auch Njola spürte die Kälte nicht mehr, obwohl um uns, hüfthoch der Schnee lag und unsere Haut sich rot unter der Kälte spannte. Aber wir fühlten die Kälte nicht. Unsere Winterkleidung trugen wir trotzdem, aus Gewohnheit weiterhin. Es hätte keinen Unterschied gemacht, wenn wir in Unterwäsche gelaufen wären, außer, dass wir uns albern gefühlt hätten.
Die Dunkelheit war nun beständig. Es gab nicht mehr Tag und Nacht, es gab nur noch dieses Zwielicht. Da wir an die Küste zurückgekehrt waren und die Besiedlung immer dünner wurde, bestand die Welt zunehmend nur noch aus Himmel, Meer und Eis, die zu einem grau-blauen Bild in der Dämmerung verschwommen. Wäre Njola nicht in meiner Nähe gewesen, ihre Stimme und ihr Gesicht, ich hätte in der Welt keine Unterscheidung mehr gefunden: oben und unten, Himmel und Schnee bedeckte Landschaft, wären zu einer Dämmerwelt verschmolzen.
Mein Appetit ließ ebenfalls nach. Auch das hatte ich mit Njola gemeinsam. Am Abend setzen wir uns zusammen, ich wärmte uns eine Konserve, die wir auch aßen, aber wir hätten auch darauf verzichten können. Sie schmeckte nach nichts und da ich keinen Hunger hatte, empfand ich auch keine Sättigung.
Eines Abends, als wir unser Abendbrot gerade beendet hatten, meinte Njola: „Du, nimm doch auch mal einen Stein in die Hand. Du hast noch gar nicht ausprobiert, was bei dir geschieht.“
Ich zuckte etwas unwillig mit den Schultern. Aus irgendeinem Grund traute ich mir nicht zu über die gleichen Fähigkeiten zu verfügen, wie meine Begleiterin.
„Wie du meinst.“
Ich sah mich auf dem Boden um, der zu der kleinen Hütte gehörte, in der wir uns Nachtlager aufgeschlagen hatten. Ich fand keinen Stein, nur ein Stück Holz, eine schöne Schnitzerei bei der ein männlicher und ein weiblicher Körper die sich küssten, im Rumpf zu einem verschmolzen.
Als ich mit meiner Hand das Holz umfasste, geschah etwas Ähnliches, wie bei Njola, als sie den Stein hochnahm. Nur, dass in meinem Fall meine Hand in einem Moment hölzern aussah und mit der Schnitzerei verschmolz und im nächsten, der Haut meiner Hand glich, als würden die Atome aus der beides bestand ihr Aggregat zwischen beiden Zuständen pulsieren lassen. Ich betrachtete den Vorgang staunend.
Ich sah auf und blickte in Njolas dunkle Augen, die mich geheimnisvoll ansah.
„Das ist schön.“
„Was?“ Fragte ich unbeholfen.
„Das sich die Begrenzung auflöst, dass sich das Ich auflöst. Weißt du was Hermann Hesse einmal schrieb?“
„Sag´s mir! Ich habe einiges gelesen.“
Sie sammelte sich kurz, als wolle sie die Zeilen ganz genau erinnern, um sie nicht falsch zu zitieren.
Dann begann sie, voller Wärme in der Stimme: „So musst du allen Dingen Bruder, Schwester sein, dass sie dich ganz durchdringen.“
„Dass du nicht scheidest dein und mein.“ Fuhr ich fort und fühlte die vertraute Wirkung der Zeilen, eine Mischung aus Glück und Rührung, die sie immer in mir hervorgerufen hatten.
„Ja, das kenne ich, das hat eine tiefe, wundervolle Melodie.“
„Wie Rilke Gedichte.“
Ich lächelte.
Wir geschwiegen und genossen stumm, diesen wundervollen Augenblick.

02/20 PGF

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