Der Ausbruch (24)

24.

Ich nahm an, dass es Januar war, als wir Eskils Haus erreichten. Aber der Monat war auch nicht wichtig. Monate waren die Erfindung einer zurückliegenden Zeit. Es war in jedem Fall nach der Wintersonnwende. Der kürzeste Tag entsprang einer tieferen Wirklichkeit, einer, im Horizont des Menschen, ewigen Wirklichkeit, welche dem kosmischen Spiel entsprang, wie die Jahreszeiten, wie Tag und Nacht, wie Vollmond und Neumond. In diesen Zyklen lernten wir uns wieder fühlen.
Wir waren weit nach Norden vorgedrungen. Wir hatten Mittelschweden durchquert und waren unterwegs an die Küste die einst zu Norwegen gehörte.
Da wir tagelange niemand mehr gesehen hatten, außer Tieren die uns misstrauisch und neugierig eine Weile folgten und an den Grenzen ihres Reviers zurückblieben, war die kleine Hütte, aus deren Kamin der Qualm heimelig aufstieg, ein wundervoller Anblick.
Da wir nicht wussten, was uns erwarten würde, näherten wir uns ihr, mit Vorsicht. Weniger, weil wir fürchteten uns gönne etwas geschehen, viel mehr aus der Sorge, wir könnten den oder die Bewohner erschrecken.
Aber unsere Sorge war umsonst. Als wir die Hütte erreichten trat ein alter Mann daraus hervor und hob die Hand zum Gruß.
„Da kommt ihr ja endlich.“ Sagte er fröhlich und seine feinen Lippen zeichneten sich in seinem weißen Bart freundlich ab. Er hatte strahlend blauen Augen, die uns warm entgegen leuchteten. „Ich habe schon zur Wintersonnwende mit euch gerechnet.“
Wir kamen näher. Das uns jemand erwartete, wunderte mich nicht mehr. Ich hatte mein altes Denken, in dem die Dinge logisch und in Kausalitäten gebunden waren, aufgegeben.
„Nun“, erklärte ich, „zumindest ich, habe nicht mit Ihnen gerechnet.“ Mir fiel auf, dass ich seine Sprache ganz automatisch verstand, obwohl es nicht Deutsch war. „Aber es ist schön, mal wieder jemand zu begegnen.“
Ich sah nach Njola und rechnete damit, dass sie nicht überrascht war, von der Begegnung. Aber sie wirkte ebenfalls irritiert.
„Geht mir ganz gleich, wie meinem Begleiter.“ Sagte sie.
Eskil machte eine große Bewegung mit dem Arm.
„Kommt doch herein. Dann erkläre ich euch drinnen, weshalb ich wusste, dass ihr kommt. Und“, er sah mich an, als könne er meine Gedanken lesen, „warum ich hier sesshaft lebe, obwohl die süße Aslaug allen erzählt, nur wer noch Sehnsucht in sich trägt, könnte diesen Zeiten überstehen.“
Die Hütte war Innen viel größer, als sie von außen wirkte. Ich konnte mir die Dimensionen nicht erklären.
Eskil lenkte uns an einen Tisch. Es lag nichts darauf, außer einem Samtbeutel, in welchem ein dickes Bündel kleiner Stäbchen steckte.
Er merkte meinen Blick.
Seine tiefblauen Augen strahlten mich an.
„Das sind Orakelstäbchen, sie gehören zum Buch der Wandlung, ein sehr altes lebensweises Buch, mit dem ich mich seit vielen Jahrzehnten beschäftige. Womit ich gleich, die zweite Frage erklären kann: Warum mir die Sesshaftigkeit nicht schadet? Weil Wandlung nicht im Außen stattfinden muss, weil Sesshaftigkeit nichts mit einem Ort zu tun hat, sondern mit einem Stillstand des Denkens und Fühlens. Man kann durch die ganze Welt reisen und sich in den immer gleichen Denkmustern bewegen. Sehnsucht muss sich nicht in rastloser Wanderschaft ausdrücken. Versteht ihr das?“
Ich bemerkte, dass die Worte Njola mehr trafen, als mich. Sie nickte nachdrücklich. Tränen waren in ihren Augen.
„Man kommt nie an. Ist es nicht so, meine Liebe?“
Sie schluckte und sagte mit belegter Stimme.
„Mein ganzes Leben habe ich keine Ruhe gefunden. Auch jetzt noch, glaube ich, nie stillstehen zu dürfen.“
„Bis so ein Alter am Weg kommt, der Stäbe zählt und dich auf eine andere Idee bringt.“ Meinte Eskil gutmütig.
„Das Buch der Wandlung hat mir euer Kommen verraten. Dabei war nicht sicher, wer kommt, nur das wer in meine Leben tritt, es streift und weiterzieht, das sagten mir die Stäbchen in einem Hexagramm.“
„Kannst du für uns auch ein Orakel durchführen?“ Wollte Njola wissen.
Ich wollte protestieren, weil ich so etwas für Unfug hielt, aber der Alte kam mir zuvor.
„Ihr braucht kein Orakel mehr. Ihr seit bereits auf dem Weg. Ihr geht in getrennten Körpern, aber ihr habt euch erkannt und nun werdet ihr ineinander aufgehen.“
Er bemerkte unseren skeptischen Blick.
„Auch darin seid ihr beiden euch gleich: im Zweifeln, wie im Zorn und im Lieben. Ihr wollt das nicht hören, weil ihr an die universelle Liebe glaubt, nicht an den Egoismus zu Zweit. Aber seid unbesorgt! Wir gehen alle in getrennten Körpern, aber erkennen uns nur auf gemeinsamen Stufen. Am Ende fließt jeder Regentropfen ins Meer zurück. Aber mancher entspringt eben der Gebirgsquelle, während der nächste in einem breiten Strom, schon nah der Mündung zum Meer ist.“
Ich dachte an Aslaug, dachte an meine Ex-Frau, dachte an viele Menschen die mir nahegekommen waren und sich wieder entfernt hatten. Immer blieb mir das Gefühl, man könne es nicht mit mir aushalten, vielleicht war die Unruhe ja immer in mir gewesen.
„Und du meinst, wir beiden Tropfen, sind nahe der Mündung?“
„Sehr nahe.“ Sagte Eskil sanft und legte seine warmen Hände auf unsere.

02/20 PGF

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