Der Ausbruch (25)

25.

Am nächsten Tag, verließen wir Eskils Haus. Es war schon später Nachmittag, als wir gingen und der Alte winkte uns nach, während Njola und ich uns, in dem Tal, in dem Eskils Hütte stand, einem lichten Birkenhain näherten.
Es war feuchtes Land. Der Boden schmatzte unter unseren Füßen und ein wenig hatte ich Sorge, wir könnten falsch gehen und in einen Sumpf geraten. Aber ich vergaß die Angst, wie ich immer mehr meiner Ängste vergaß. Ich wurde leicht.
Vor mir lief Njola, wie ein Fixstern. Ein Schimmern und Leuchten ging von ihr aus, als wäre sie mehr aus Licht, als aus Fleisch und Blut. Es war ein warmes, pulsierendes Licht, welches sich weich gegen die Umgebung abzeichnete. Ob es tatsächlich da war oder ob ich mehr sah, als da war spielte keine Rolle.
Wir liefen schweigend durch den Hain, kamen daraus hervor und gelangten in eine flache Moorlandschaft, die sich mit warmen Gärgasen gegen den Schnee wehrte. Das Licht, welches von Njola ausging wurde stärker, strahlender, wie eine Aura umhüllte es ihre Gestalt.
„He!“ Rief ich sie. „Bleib mal kurz stehen.“
Sie drehte sich um.
„Ja.“ Sie klang entrückt.
„Da ist ein Strahlen um dich, als würdest du Licht aussenden.“
Sie betrachtete mich von oben bis unten. Dann lächelte sie.
„Das strahlst du auch aus. Es ist überall Licht.“
Sie zeigte zum Himmel und erst jetzt sah ich, dass der ganze Himmel überzogen war mit Polarlichtern, die in allen Farben erstrahlten, dem häufigen Grün und Rot, aber auch Gelb und Türkis. Die Polarlichter wirkten nicht, wie ferne Himmelerscheinungen, sondern wie Tore und Brücken, die darauf warteten, dass wir ihnen entgegenkamen.
„Glaubst du, dass hat damit zu tun, dass wir unserem Ziel nah sind.“
„Bestimmt. Ich wüsste keinen anderen Grund.“
Mir wurde unbehaglich. In einem alten Sinn, bedeutet dies, dass ich sterben würde, obwohl ich nur überging.
Njola merkte mir die Unsicherheit an. Sie kam näher zu mir.
„Gib mir deine Hand.“ Befahl sie sanft.
Ich hielt ihr meine Hand entgegen und als sich unsere Hände näherkamen, fühlte ich ein Ziehen, als würden sich unsere Körper magnetisch anziehen. Unsere Hände berührten sich und ein Kribbeln erfasste meine Hand, wie früher manchmal, wenn mir nachts der Arm eingeschlafen war, nur dass es jetzt, ein sehr schönes, wohltuendes Gefühl war. Es belebte und kräftigte mich.
„Komm wir gehen weiter.“ Njola zog mich nach und ich folgte ihr.
Die Landschaft wurde wieder fülliger. Das Schilfgras wuchs hoch hier und einige Birken mischten sich, zwischen die breiten Grassoden in denen der Nebel geisterte. Dazwischen bildete sich ein schmaler Fluss heraus, dem wir wie selbstverständlich folgten. Er führte uns zu einem kleinen See.
Mittlerweile funkelte ein prächtiger Sternenhimmel über uns, über den immer wieder breiter Bänder Polarlichter flimmerten.
Ich dachte, das ist nicht mehr von dieser Welt …
Njola zog mich weiter. Sie zog mich zu dem See hin. Sie ging so nah zum Ufer, dass ich dachte, sie wollte uns hineinziehen, aber sie machte so rechtzeitig Halt, dass unsere Füße das Wasser nicht berührten.
Sie zog mich, so dass ich mich neben sie knien musste. Wir sahen in die Spiegelung des Sees und sahen nichts, als zwei weitere Sterne vor dem endlosen Sternenhimmel hinter uns.
„Du und ich“, sagte ich staunend.
„Und der ganze Kosmos.“ Ergänzte Njola glücklich.
Denn wir waren am Ziel.

Ende

02/20 PGF

16 Kommentare

  1. Ja, das ist richtig schön, erwärmend und berührend. Die Polarlichter als Sinnbild einer Art Regenbogenbrücke, ergibt lebendige Bilder im Kopf. Und ein harmonischer Abschluss mit zwei Sternen. Hach… 🌟🌟

    Gefällt 3 Personen

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    1. Danke dir sehr 🙂 aber die Geschichte drohte immer zu „fett“ zu werden, es gibt Themen, finde ich, die nur ansprechend sind, solange sie von der Andeutung leben. Ähnlich wie Sinnlichkeit vs. Porno.

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      1. Gerne, da hast du recht, aber du hast sehr interessante Ansätze in der geschichte, die man gerne weiter spinnen möchte. Ich versteh dich aber, einen schönen Abend noch, liebe Grüße Wolfgang

        Gefällt 1 Person

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