Supernova (1)

Als die Pest ausbrach, haben wir das alles nicht so ernst genommen. Erst als die Toten sich in den Kellern der improvisierten, medizinischen Einrichtungen stapelten zu denen man Messehallen, Hotels und still gelegte Hospitäler umgewandelt hatte, begriffen wir, dass die Lage ernst war und „wie im Krieg“, wie mancher erschrocken feststellte.
Ich nenne die Krankheit Pest, aber es war natürlich nicht die Pest, die hatten wir Jahrhunderte zuvor besiegt. Aber die Bilder die ich sah und die Atmosphäre die sich in mir ausbreitete, auf die traf, was ich mit der Pest assoziierte, perfekt zu.
Zu Anfang kam es zu wirklich grotesken Vorfällen, die Menschen stritten sich um Toilettenpapier und Kabarettisten machten sich einen Spaß daraus ahnungslosen Verkäufern eine Bezahlung in Form von Toilettenpapier anzubieten.
Der Spaß verging uns. Als bekannt wurde das Supernova-X4, wie der Keim hieß, mutierte, dass er immer neue, komplexere Symptome hervorrief und die Letalität zunahm, statt abzunehmen, da wurde es still auf der Welt.
Grenzen wurden geschlossen, Geschäfte wurden geschlossen, Ausgangssperren wurden verhängt, dann wurden ganze Regionen isoliert und die Güter des täglichen Lebens rationiert.
Die Menschen traf das, weil sie darauf nicht vorbereitet waren. Sie hatten drei Dinge gelernt: zu funktionieren, zu konsumieren und sich mit einfachen Mitteln unterhalten zu lassen. Sie waren es nicht gewohnt, dass die Dinge ihre Selbstverständlichkeit verloren, dass sie die Kontrolle verloren, über ihre Gewohnheiten und Vorlieben.
Das Drama spielte sich nicht auf den Straßen ab, die waren einfach nur leerer, es spielte sich auch nicht in den Wohnungen ab. Der Herbst war farbenreich, wie er es immer war, der Himmel blau wie immer und die Wolken wanderten, wie sie es seit Jahrtausenden taten. Das Drama spielte sich ab, in den Herzen der Menschen.
Wenn ich mich nun hinsetze und rückblickend, in unregelmäßigen Abständen etwas davon erzähle, dann wird es viel um dieses Innen gehen. Nicht um leere Regale in Supermärkten, sondern um leere Herzen. Nicht um Polizei und Gewalt, sondern um Panik und Zukunftsangst.

Ein listiger Gegner hatte uns den Krieg erklärt, der zwischen uns Menschen keinen Unterschied machte. Er schonte nicht Bürger und nicht Terroristen, nicht Frauen oder Männer, jung oder alt. All die Gegensatzpaare die wir uns erschaffen hatten, um uns gegenseitig abzulehnen, nivellierte er und ließ nur Menschen zurück.
Jetzt, da alles wieder gut ist, ist es Zeit zu verhindern, dass vergessen wird, wie es war …


03/20 PGF

8 Kommentare

  1. „…..Der Herbst war farbenreich, wie er es immer war, der Himmel blau wie immer und die Wolken wanderten, wie sie es seit Jahrtausenden taten.“
    >>Draußen, wenn man heimlich aus dem geöffneten Fenster blickte, hatte sich nichts verändert, bis auf die Stille, denn das was man hörte, waren nur noch die Stimmen der Tiere, explizit der Vögel. Hinter den schmutzigen Fenstern jedoch sah es anders aus. Schmutzig, ja – denn wozu sollte man Fenster noch putzen, wenn man draußen eh nichts sah….
    Die Menschen zogen sich gar nicht mehr an, sondern blieben einfach in ihren Jogginganzügen auf den Sofas sitzen oder liegen und inhalierten den Mief der ungelüfteten Räume. Froh darüber, noch ein- und ausatmen zu können. Sie durften ihre Wohnungen nur noch in absoluten Ausnahmesituationen verlassen, wozu also ankleiden? Das forderte ja nur unnötiges Wäschewaschen und mit ihren Vorräten an Waschmittel mussten sie sparsam umgehen, ebenso wie mit den Wasservorräten. Sie wuschen auch sich nicht mehr, denn den extremen Körpergeruch nahmen ja nur sie selbst wahr. Außerdem roch inzwischen jeder.
    So saßen sie also auf ihren Sofas und das einzige, was immerzu lief, war der Fernseher. Das inzwischen nur noch Wiederholungen liefen, nahm niemand so wirklich wahr – Hauptsache es lief überhaupt irgendetwas….und ab und an lief ein Band über den Bildschirm mit neuen Anweisungen, die man nicht verpassen durfte. Informationen darüber, an welchem Punkt der Stadt Konserven mit Hilfe von Drohnen platziert wurden.
    In diesen Momenten war es wichtig, sich so schnell wie möglich zu bewaffnen, die Schutzausrüstung anzuziehen und an besagte Punkte zu gelangen, um die (Über)Lebenszeit wieder um ein paar Tage zu verlängern….<<

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    1. Eine sehr schöne, olfaktorische Erweiterung/Ergänzung. Da fehlt mir, als Gräserallergiker, die Sinneskreativität.

      Fühl dich frei mit- oder weiterzuspinnen. Ich bin nicht so einbauflexibel 😉

      Schönen Abend
      P

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