Supernova (2)

Ich halte mich nicht auf, mit der Vorgeschichte, denn im Nachhinein ist es arrogant darüber zu urteilen, dass die Lage nicht viel früher erkannt wurde.
Ich steige mit dem Tag ein, mit dem für Viele, ihr Leben sich grundlegend veränderte. Mit der Ausgangssperre, als die Neuansteckungen eskalierten.
Ich war zu dieser Zeit in der Ausbildung zum Sprachtherapeuten und absolvierte ein Praktikum im Krankenhaus. Mein Schwerpunkt, bei diesem Einsatz, war der Umgang mit schweren Schluckstörungen, bei Patienten die nach einer Beatmung, nach Entfernen der Beatmungskanüle, das Schlucken wieder erlernen mussten. Ich war einiges gewohnt und brachte meine Arbeitszeit auf einer Station zu, auf der die Menschen lernten, wieder ohne künstliche Beatmung zurecht zu kommen.
Als die 1. Welle uns traf, wurde das Haus in dem ich beschäftigt war, zur ersten Anlaufstelle ausgewählt. Was ich in den nächsten Tagen sah, übertraf alles, was ich bis dorthin an Elend erlebt hatte. Weil es an Beatmungsgeräten fehlte, lagen mehr Patienten auf der Station, als beatmet werden konnten. In der ersten Phase traf Supernova vor allem die Atemwege. Ich fühlte mich, als stünde ich an einem Strand, an den ein Tsunami, Tausende von Fischen gespült hat, die nun japsend nach Luft, auf dem Trockenen lagen. Mit etwas Herz hätte jeden der Anblick dieser Fische bereits erschüttert, aber jetzt waren es Menschen. Viel mehr Menschen, als wir versorgen konnten.
Wenn ich jetzt, fast zwanzig Jahre zurückdenke, dann ist keines dieser Bilder vergessen. Ich höre die Geräte piepsen, ich höre das Stöhnen, ich sehe die Angst in den Gesichtern der nach Luft Ringenden und sehe die Apathie in den Zügen der Beatmeten.
Wenn sich die Welt nun langsam erholt, kommt es mir ein wenig vor, als wäre ich ein Gefangener, der nach langer Haftstrafe die Schönheit der Welt wieder erleben darf. Es war gut, es war sehr, sehr gut, dass wir damals nicht absehen konnten, was noch alles folgen würde.

03/20 PGF

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