Supernova (3)

Was mit der Einführung der Ausgangssperre kippte, war die Besonnenheit. Es war wie auf einem Schiff, das technische Probleme hat. Die Menschen vertrauen dem Kapitän und wo die Rettungsboote vertäut liegen, interessiert sie wenig. Bis der Satz durch die Bordlautsprecher dröhnt: „Liebe Passagiere, das Schiff beginnt zu sinken.“ Dann beginnen die Kämpfe, um die immer im Leben, zu wenigen sicheren Plätze.
Mit der Besonnenheit kippte die öffentliche Ordnung. Niemand hielt mehr ein, was er für zukünftig nicht mehr relevant hielt. Die Leute gingen nicht mehr zur Arbeit – kein Sterbender ging mehr zur Arbeit. Sie trafen sich, trotz Ausgangssperre zu großen Partys und die Polizei, die das in den ersten Wochen noch bremsen konnte, war irgendwann zu erschöpft und durch Erkrankte geschwächt, um die Horden der Unvernunft zu besiegen. Die Menschen gaben auf. Sie waren auf Konsum trainiert, nicht auf bewältigen. Sie lernten seit der Grundschule Dinge auswendig lernen und wiedergeben, aber sie lernten nicht, sich mit Problemen zu messen, sie lernten nicht Lösungen zu finden. Deshalb fühlten sie sich machtlos und so verwandelten sie ihre Ohnmacht in Totentänze.
Rückblickend bedauerlich, sehr bedauerlich, weil sie damit die Katastrophe erst auslösten. Deshalb schreibe ich es auf, weil die Geschichte der Menschheit davon geprägt ist, Chance nicht zu nutzen.
Was die Menschen hätten besser machen können? Sie hätten ernst bleiben müssen. Denn ihre Unvernunft war nur Angst, überspielte und verdrängte Todesangst. Und ihre starre Sorge beruhte auf dem unheimlichen Gefühl, es letztlich verdient zu haben. Seit dem jüngsten Gericht waren Apokalypsen ein Dauerthema. Und die jetzt finster an den Tischen saßen, halfen so wenig, wie die die auf den Wiesen das Ende der Welt feierten. Was war der Weg zur Genesung? Die Dinge ernst nehmen, Kräfte einteilen, sich vernünftig verhalten, Heilmittel suchen und nicht zuletzt warten.
Aber wir waren noch nicht so weit und ich sage bewusst wir. Auch, wenn ich das Sterben auf Station täglich sah, auch, wenn ich im Ringen mit dem Virus gar nicht viel Zeit bekam, dumm und unüberlegt zu sein, es war nur Glück, dass mich mein Weg dorthin geführt hatte, wo ich, zu helfen, in der Lage war.
So absurd es klingt, aber die Pandemie hatte auch etwas Gutes, etwas womit wir nicht rechneten und von dem ich bis heute, manchmal denke: Hat jemand genau das beabsichtigt?

03/20 PGF

16 Kommentare

  1. Ich lese dich und deine Beiträge sehr gerne, aber:
    Erstens sehe ich jetzt ( sorry, ich habe aufgrund der aktuellen Misere als Putzbelohnung meinerseits bereits 2 Bier getrunken) keine grundlegenden Unterschiede zwischen Story 1+2 und zweitens sollte entweder ich oder du nochmal die Regel der Kommatasetzung überprüfen. Es liest sich irgendwie komisch so…..
    Das soll keine Kritik sein, denn abgesehen davon liest sich deine Geschichte bislang nicht nur sehr spannend, sondern auch momentan passend!!!! Ganz liebe Grüße Bea

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    1. Liebe Bea,

      da Hopfen nicht schadet und Putzen eine Belohnung verdient, betrachte ich diesen Punkt als: dito.

      Der grundlegende Unterschied zwischen Story 1 und 2 – Hmm: meinst du der Teile 1 und 2 oder dieser Story und der letzten?
      Falls Teil 1 und 2 dieser Story: Da wird sich auch kein Unterschied auftun, weil es eine eher introspektive Betrachtung sein wird, wenn es weitergeht, weil es einen Plot, spezielle Figuren oder Ähnliches vermutlich nicht gibt.

      Was die Kommasetzung, oder die Interpunktion gesamt betrifft: Es herrscht auf meinen Blogs immer freyische Anarchie.
      Ich habe schon so viele Kommatipps erhalten, dass ich am Ende sagen muss: Nur Lektoren wissen wirklich, wie es geht.
      Da niemand hier etwas zahlt, zahlen ich keine(n) Lektor(in). Wir sind hier auf der Spielwiese, deshalb heißt es „Labor“.
      Wenn ich regulär veröffentliche, sorge ich immer für einen (zumindest) Korrektor.
      Auch dabei habe ich schon schlechte Erfahrung gemacht und viel Geld für schlechte Leistung bezahlt.
      Wenn man es so richtig perfekt haben will, gönnt man sich ein Lektorat – überarbeitet – und dann ein Korrektorat – am besten ein 4-Augen-Angebot und kommt, bei den seriösen, auf einen satten Betrag (bei meinem letzten Skript) von 8000,- € Wohl dem, der sich das leisten kann.

      Deshalb, bei Texten, am Abend geschrieben, nach Vollzeit – im Gesundheitssektor gibt es (auch aktuell) kein/selten Home-Office nehme ich das gar nicht als Kritik, sondern als Hinweis, dass ich das nicht vergessen soll, falls ich veröffentlichen will.

      In meinen persönlichen Tagträumen findet man in 100 Jahren heraus, dass meine Interpunktion viel logischer ist und reformiert alle Texte, auf Basis meiner Vorgehensweise 😉

      Hab eine ruhige Nacht
      Peter

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      1. Guten Morgen Peter, ich habe mich sehr über deinen ausführlichen Kommentar gefreut und deine Einstellung zur Interpunktion sehe ich genauso. Daher ja auch von mir die Frage ob vielleicht ich diesbezüglich nochmal was nacharbeiten sollte. Sollte es oberlehrerhaft gewirkt haben tut mir das leid. Und ja, wir sind hier auf einer Spielwiese, wo jeder sich austoben kann, von daher weitermachen.
        So – und zu der Ähnlichkeit der beiden Teile – da habe ich mich verschrieben – ich meinte Teil 2 und 3.
        Aber ich werde das, wenn sich mir ein Zeitfenster
        ankündigt, noch einmal nachlesen und dann genauer formulieren, was ich meinte.
        Sollte ich mich nicht mehr melden, war meine gestrige Wahrnehmung der Wirkung des Hopfens geschuldet. 😎
        Liebe Grüße Bea

        Gefällt 2 Personen

      2. Liebe Bea,
        danke für deine Antwort.

        Meine Interpunktion wurde nicht zum ersten Mal „befragt“, das klang gar nicht oberlehrerhaft, aber ich habe deshalb schon mein kleines Sortiment an Argumenten.

        Es gibt ein sehr schönes und hilfreiches Buch, zum sich selbst lektorieren. Beruhigt las ich, dass Autoren das eigentlich nie können, weil kein Mensch in der Textbetrachtung alles zugleich erfassen kann. Der Autor wird immer abschweifen in Richtung Textstruktur, Charakterentwicklung, Dialog-Dynamik, Szene und Atmosphäre.

        Korrektur ist mehr oder weniger die Existenzberechtigung für Germanisten 😉
        Wer ist unbedingt trotzdem versuchen will, soll den Text rückwärts lesen, also Satz für Satz.

        Hopfen entschuldigt übrigens alles 🙂

        Ruhige Tage
        Peter

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    1. Ich danke dir lieber Lu.
      Es ist auch ein bisschen (veröffentlichte) Verarbeitung.
      Das Thema ist nah und komplexer, als die meisten begreifen und kein mediales Ereignis, wie viele noch bemerken werden.

      Grüße in die Nacht vom See
      Pe

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      1. Ja, lieber Lu, den Eindruck macht es und leider ist es ausnahmsweise mal die fehlende „Zentralgewalt“ die notwendige wäre, die Dinge anzupacken.
        Wäre der Gesundheitssektor nicht seit 20 Jahren penetrant an Limit gefahren und privatisiert worden, könnten wir all dem entspannter entgegen gehen. Jetzt muss ein Marathonläufer, dem gerade Entlastung versprochen wurde, die Strecke nochmal bewältigen, mit Extragepäck. Das ist die stille Panik, die man der Politik anmerkt. Vor 2 Monaten hat die Bertelsmannstiftung noch behauptet die Hälfte der deutschen Krankenhäuser sprich Betten könnte noch reduziert werden. Das ist der Ausdruck der bisherigen Politik.
        Gesundheit und Bildung dürfen nie in dieser Form behandelt werden. Aber, meine Lieber, ich glaube, dir muss ich das nicht sagen.
        Sehen wir zu, dass wir gut durch diese Tage kommen.
        Es grüßt dich vom See
        Pe

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      1. Lieber Peter,

        es ist spürbar, dass du aus der ersten Reihe heraus sprichst, die Unmittelbarkeit kommt entsprechend rüber. Ja, es sensibilisiert und nein, es beunruhigt (mich) nicht.

        Hab auch du eine möglichst gute Zeit, trotz Zusatzbelastung, wenn ich das richtig verstehe.

        LG
        Marion

        Gefällt 2 Personen

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