Supernova (4)

Was das Gute war? Die Umwelt erholte sich. Der Umwelt half unser Sterben und gelähmt Sein. Es war, als hätte jemand die große Maschine abgeschaltet und uns zurück versetzt in eine Welt ohne Autos, ohne Züge, ohne Laster.
Die Welt war still. Sie war, wie manchmal an Wintertagen, wenn man früh morgens durch den ersten Schnee läuft. Nur das jetzt Herbst war und man normalerweise an den Cafés, die Gäste, die letzten Sonnenstrahlen genießen sah und die Straßen verstopft waren mit Traktoren, welche die Ernte einholten.
Es war mir, ein manchmal bitterer Gedanke, dass wir in diesem Bild, nicht fehlten. Ohne uns wirkten der Himmel und der Wald, wie befreit, die Vögel wirkten viel richtiger in dieser Welt, als ich es je bei einem Menschen empfunden hatte. Wir verschmutzen die Welt nicht mehr in der Luft und nicht im Wasser, wir verschmutzten sie nicht mit Lärm und nahmen mit unserem Licht nicht, den Tieren die Ruhe der Nacht. Die Sonne erschien, stieg auf, schien kurz zu verweilen, stieg ab und versank und man konnte sie dabei beobachten. Das Rennen war vorüber. Die Zeit war erledigt und vom Sein verschluckt.
Verschiedene Lager versuchten sich diese Tatsache zu nutzen zu machen. Die Misanthropen gingen davon aus, dass irgendein Wahnsinniger im geheimen Labor, den Keim gezüchtet hatte, um uns alle auszulöschen. Die Fatalisten gingen davon aus, dass Gott endlich ernst machte mit dem jüngsten Gericht, die Nihilisten sahen einen weiteren Zufall, in der Kette der Zufälle, die zu menschlichem Leben geführt hatten, der es jetzt beendete.
Ich hatte keine Meinung dazu. Ich beobachtete und mied, wie ich es bis heute halte, Festlegungen. Ich bin wie ein Fisch, der im Wasser steht und sich umströmen lässt und, wenn ab und an ein Happen vorbei schwimmt der sich schnappen lässt, packt er zu. Aber er glaubt deshalb nicht, den Fluss, den gewaltigen Strom des Lebens zu verstehen.
Mir stellte sich die Frage, ob nicht die Natur selbst, in einem durchaus klugen Manöver, diesen Keim erweckt hatte. So wie unser eigenes Immunsystem Zellen hervorbringt, um Angreifer abzuwehren. Vielleicht waren wir, für die Homöstase der Welt ein Problem, wie es Keime für unser inneres Milieu waren?
Der Gedanke machte mich traurig, nicht wütend. Mir war die Natur nie bösartig erschienen, auch, wenn sie für den Menschen keine besondere Vorliebe zu hegen schien. Camus hatte ein paar sehr schöne Zeilen geschrieben, über dieses, von der Natur abgelehnt werden. Die Natur hatte uns hervorgebracht und deshalb hatte sie, in meinem Sinn, das Recht uns zu maßregeln, wenn wir ihr gefährlich wurden und genau genommen hatte sie sich sehr lange sehr tolerant gezeigt.
Vielleicht sandte sie uns Supernova, um uns zu läutern, zu reduzieren und zu warnen. Wenn dem so war, verstanden wir es nicht. Denn im Kampf um das, was wir gewohnt waren, fing etwas ganz anderes an, uns Probleme zu machen.

03/20 PGF

5 Kommentare

  1. Mutter Allnatur hat gelangt, was die Menschen im Zuge der Globalisierung alles so machten. Sie sah die Zeit dafür gekommen, sich wieder einmal regelnd einzumischen. Die Humanität wieder in den Menschen zu reaktivieren…
    Dankeschön für deine feinen Worte, lieber Pe am See!
    Herzliche Abendgrüße vom Lu

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  2. Dem Dank für die feinen Worte kann ich mir nur anschließen!
    „Das Rennen war vorüber.“ – so scheint es momentan. Es fühlt sich teils an wie wenn wir aus der Zeit gefallen wären.
    Da Viren keine Lebewesen im üblichen Sinn sind, nicht wie Zellen, sondern eher sowas wie reine Software-Teilchen, stellt sich durchaus die Frage: Woher kommen sie? Und welchen Zweck verfolgen sie?
    Im Moment können wir nur mutmaßen. Oder Theorien entwerfen. Und schauen was kommen wird…
    Wenn es zu kurz dauert, werden wir zu dem zurück zu kehren suchen, was wir vorher gelebt haben. Wenn es länger dauert als wir alle hofften, wird sich mehr verändern und wir werden nicht so einfach zum vorherigen Leben zurückkehren können. Darin liegt eine Chance. Ich weiß nicht was davon ich uns mehr wünschen soll, möchte aber vermuten, dass es so kommt, wie es für die Gesamtheit unterm Strich am Besten ist.

    Einen schönen Sonntag, lieber Peter 🙂

    Gefällt 1 Person

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