Supernova (7)

Doch ehe ich dazu komme, zu erzählen, wer mein Schicksal wurde und warum, gibt es anderes zu berichten.
Ich mache einen großen Sprung. Monate? Ja, viele Monate, Jahre. Denn die Zeit blieb stehen, so schien es. Unsere Entwicklung fror ein, wie ein frischer Frühlingstrieb, den eine letzte kalte Winternacht erwischt und der sein Blatt niemals entfalten wird.
Eine Weile noch lebten wir fort, wie bisher. Wir hielten an unseren Gewohnheiten fest, den Unterhaltungen, Spielen und Ablenkungen, die wir uns, um das wahre Leben geschaffen hatten. Aber weil der Virus weiter um sich griff, gab es keine Entwicklung mehr vorwärts. Das was uns, in guten Zeiten, medial gut unterhalten hatte, wurde im täglichen Dauerkonsum langweilig. Es war, wie mit dem Essen: erst gingen die frischen Sachen aus und wir trösteten uns, zumindest noch Konserven zu haben. Aber nach vier Wochen Konservenessen, widerte uns an, was uns zuvor Sicherheit vermittelt hatte.
Wachstum: Schwarzweißfernseher, Farbfernseher, Videorecorder, DVD-Spieler, PC, Handy, Smartphone, Streaming, 40 Jahre hatten wir uns technisch fortentwickelt und uns unbesiegbar gefühlt. Tante-Emma-Läden, Supermärkte, Industrialisierung, Digitalisierung, wie im Flug nahmen wir Stufe um Stufe und jetzt kam keine mehr. Wie jemand, der bei der letzten Stufe, ins Leere tritt.
Damit kamen die meisten nicht zurecht. Sie waren Entbehrung nicht gewohnt, sie waren Frustration nicht gewohnt. Sie kannten es frustriert zu sein, weil sie nicht das neuste Smartphone hatten, aber sie kannten es nicht, allein mit dem Himmel zu sein. Sie kannten es einen 65-Zoll-Fernseher zu entbehren, aber sie kannten es nicht, die sichere nächste Mahlzeit zu entbehren.
Es dämmerte, dass wir geistig gar nicht weitergekommen waren, nicht mal unser Intellekt war gewachsen, nur unsere Fähigkeit uns unterhalten zu lassen.
Das wurde uns, in den nächsten Monaten bewusst, uns allen. Besser ging es denen, die rasch lernten an der Entbehrung zu wachsen, die sich irgendwann einmal im Leben im Verzicht geübt hatten.
Aber das waren wenige und deshalb setzte eine gewaltige Fluchtbewegung ein. Die in den Städten hofften, auf dem Land besser Nahrung zu finden. Die auf dem Land hofften, in der Stadt sicherer leben zu können. Wer im Süden lebte, versuchte nach Norden zu kommen und wer im Norden lebte, suchte sein Glück noch weiter nördlich. Überall wurde Leben aufgegeben und zurückgelassen, wie eine Schlange ihre Haut zurücklässt. Es war ein Gehen, ohne von der Stelle zu kommen. Wie Ertrinkende die zappeln.
Es begann erneut ein Zeitalter der Völkerwanderung, die ganze Menschheit kam in Bewegung, aber sie kam nicht mehr voran …
Es war klar, was darauf folgen musste.

03/20 PGF

3 Kommentare

  1. Zu solch düsteren Schlüssen kann man kommen, mir ist es ZU düster.
    Ganz hervorragend gefällt mir aber diese Wendung: „… aber sie kannten es nicht, allein mit dem Himmel zu sein.“ 👍🏼
    Gut umschrieben, das steckt eine Menge drin!

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