Supernova (8)

Der Krieg, natürlich der Krieg. Wir alle hofften, auf bessere Zeit. Auf eine Beruhigung der Lage, auf etwas Licht im Leben. Aber, wie es die Geschichte der Menschheit prägt: die Not verbindet sie nicht, sondern die Gier entzweit sie. Es fing an mit Grenzkonflikten zwischen der Türkei und Griechenland, zwischen der Türkei und Syrien, der amerikanische Präsident warf den Chinesen vor, schuld an Supernova zu sein. Am Anfang noch diplomatisch provokant, aber je mehr Tote der Keim forderte, weil es kein amerikanisches Gesundheitssystem gab, welches ihn aufgehalten hätte, je mehr kaschierte er, sein innenpolitisches Versagen mit aggressiver Rhetorik. Südkorea war gut, aus der ersten Welle gekommen, aber Nordkorea geriet ins absolute Chaos. Brasiliens Zusammenbruch, sorgte auch für Unruhen in den anderen südamerikanischen Staaten. Über Afrika ging der Keim hinweg, wie ein Flammenmeer über trockenes Steppengras und in Asien begannen Pakistan und Indien endgültig, ihren Bruderkrieg zu Ende zu führen.
Der 3. Weltkrieg wirkte, wie eine Verkörperung des Virus. So wie der Virus den menschlichen Organismus überflutete, ohne, dass das Immunsystem eine Gegenwehr fand, so überflutete der Krieg die Erde und keine Friedensbotschaft, kein Appell brachte ihn zum Verstummen. Wie ein Feuer, musste er zu Ende brennen.
Ich weiß nicht, wie ich das überlebte. Ich weiß nicht, wie ich aushielt, dass, die mir vertraute Welt, zerfiel und nichts nachkam. Als würde mir Kleidungsstück um Kleidungsstück geraubt, bis ich nacktgehen musste. Und ich ging halt, weil ich nur überleben konnte, wenn ich bereit war, auch nackt zu gehen.
Vier Jahre dauerte der 3. Weltkrieg. Zahlen über Tote und Verwundete gab es nicht, weil niemand da war, sie zu erheben. Aber vielleicht kann ich es in einem Bild zeigen: Früher lebten wir in Städten. Diese Städte bestanden aus Straßen. Aus sehr vielen Straßen, die sich zusammensetzen aus Häusern. Zum Teil aus sehr hohen Häusern. Die aus Wohnungen bestanden, in denen die Menschen lebten. In einer größeren Stadt umfasste eine Straße schnell 50 Häuser und, wenn da in jedem Haus drei Wohnungen waren, in denen drei Menschen lebten, dann hatte eine Straße 450 Bewohner.
Am Ende von Supernova, am Ende der Fluchtbewegung, am Ende des Krieges, bewohnte ein Überlebender zwei solcher Straßen. Wenn er alles zusammentrug, was in den Häusern nicht zerstört war, konnte er sich genau eine Wohnung damit herrichten, um Sommer und Winter zu überleben. Ich fand eine Wohnung mit einem großen Balkon. Ich sammelte Eimer und Erde und nahm mir, aus einem verlassenen Baumarkt, einen Ständer mit Saatgut mit und schuf mir dort einen Garten in der Stadt, der mich gut ernährte. Das Haus besaß eine Solaranlage auf dem Dach, sodass ich Strom hatte und mit einem Werkstattofen, sorgte ich dafür im Winter nicht zu erfrieren.
Nichts davon hätte ich mir im Vorfeld so überlegen können. Aber Not, das lernte ich nun, macht erfinderisch – oder aber sie tötet.
Vielleicht ist es jetzt Zeit, von der Liebe zu erzählen.

03/20 PGF

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