Reality-Check

Heute unterbreche ich mal, die Fiktion mit einem Blick in die Wirklichkeit. Vielleicht, weil eben mal Luft zum Nachdenken ist, aber auch, weil es mir ein Bedürfnis ist jedem ein Stück Unterstützung anzubieten, bei der Frage: Ist das nicht alles nur Panikmache?

Wer meinem Blog schon ein Weilchen folgt, weiß, dass ich der Regierung Merkel und auch dem Medienapparat prinzipiell sehr kritisch gegenüber stehe und, dass ich im Gesundheitssektor tätig bin.
Ich breite das nicht aus, weil ich meine privaten Eindrücke schildere und ich mit der Arbeit meines Trägers absolut zufrieden bin. Es geht mir nicht, um die konkrete Situation, an dem Ort, an dem ich sie sehe, sondern, um das allgemeine Verständnis.

Zuerst das Entscheidende: Corona ist keine Fiktion, keine Medienkampagne, kein hochgepushtes Lieblingsthema, welches Schlagzeilen bringt, sondern eine reale Krise mit noch nicht absehbarer Wirkung.
Die Häuser bereiten sich auf die Welle vor. Es mag der einzige Vorteile sein, das die Zeit dazu bestand. Es ist, wie wenn man wüsste: In einer Woche werden zwei ICE ineinander rasen, ein Flugzeug stürzt in der Nähe ab, während ein Stadtteil von einer Gasexplosion verwüstet wird. Was dann überstürzt geschehen muss, geschah nun mit einem gewissen Vorlauf.

Ich bleibe, bei meinem kritischen Blick auf die Amtszeit Merkel, aber das hier macht sie gut. Auch, wenn die Logistik noch lange nicht an dem Punkt steht, der perfekt wäre. Aber wer die Zeichen zu deuten verstand und rechtzeitig zu organisieren begann, steht jetzt nicht ganz blank da. Auch, wenn die Hausärzte aktuell klagen, sie werden nicht die sein, die bei dieser Krise in der Brandung stehen.

Panik halte ich für absolut verfehlt. Jetzt ist Stärke gefordert und Kooperation. Für die Menschen im Gesundheitswesen stellt sich eine unglaubliche mentale und körperliche Herausforderung. Und auch, wenn die Arbeit der Pflege einen bedeutenden Platz einnehmen wird und für die Hamsterkäufer die Verkäuferinnen zu neuen Heldinnen werden, der Kreis der Akteure ist wesentlich größer. Er streckt sich über die Hauswirtschaft, die Technik, die Küche, die therapeutischen Berufe, die Hilfskräfte in diesen Bereichen. Wer jetzt auf dem Balkon steht oder nette Danke-Bilder postet, steht hoffentlich, am Ende der Krise, wieder auf dem Balkon und fordert von der Politik angemessene Arbeitsbedingungen und Bezahlung, für die, die in dieser Phase als strukturrelevant erkannt wurden. Dazu habe ich schon einiges geschrieben, das wenig Beachtung fand. In diesem Zusammenhang muss aber jedem bewusst sein: Das Gesundheitssystem war, vor wenigen Wochen, wie ein Marathonläufer am Kilometer 40 steht und jetzt ruft Covid ihm zu: „Du musst die Strecke doppelt schaffen!“

Wenn es also um Unterstützung geht, benötigen wir keine warmen Worte, wie zuletzt vom Bundespräsidenten. Gut wäre auch, wenn die Läden dann leer wären, wenn die meisten medizinischen und relevanten Berufe Schicht- und Dienstende haben, weil arbeiten in diesem Bereich nun bedeutet: Arbeiten, Einkaufen, Essen, hoffen, dass alle Zuhause gesund bleiben, Arbeiten, usw. Das „Bleibt zu Hause!“ ist nicht nur ein Social-Media-Motto, es ist eine reale Erleichterung für alle die jetzt nicht freigestellt sind.

Denn auch das, muss der ein oder andere vielleicht noch demütig begreifen: für viele ist es nicht einfach, trotz Bedenken, trotz Unbehagen, nicht nur in der Routine weiterzuarbeiten, sondern unter verschärften Bedingungen. Während die einen ihre Toilettenpapierrollen zählen, gilt für andere, sich der Krise zu stellen und den Gedanken beiseite zu schieben, dass jetzt ins Homeoffice zu dürfen, ein verlockender Gedanke wäre.

Muss ich das ernst nehmen? Das war mein Denkanstoss. Mein Eindruck ist, dass wir in den nächsten zwei Wochen erfahren werden, ob wir eben noch rechtzeitig reagiert haben oder, ob Tage, wie heute in Italien, mit 1000 Toten, auch bei uns bald zum Alltag gehören.

Ich wünsche euch, dass ihr gesund bleibt und, dass wir alle diese Chance zur Besinnung nutzen, denn der Anlass ist gegeben.

PGF

16 Kommentare

    1. Ich habe heute von einem Kollegen den bemerkenswerten Satz gehört: „Ich habe jetzt keine Arbeit mehr, ich habe jetzt eine Aufgabe.“
      Dem gebe ich genau dieses Danke weiter.
      Schönen Abend liebe Ariana.

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  1. Der Ernst und die Eindringlichkeit ist mir in etwas so bewusst, wie du es hier schilderst. Wir warten auf die Welle und wissen nicht wann genau und wie arg sie hereinbricht und es ist ein geringer Teil der menschlichen Gesellschaft, der dann an der Front Höchstleistungen vollbringt, bis über ihre Grenzen hinaus. Es ist krass, was da gefordert wird und ich möchte wie du von Herzen hoffen, dass diese ganze Sache glasklar macht, dass es genau für diese Aufgaben hoch bezahlte und best unterstützte Menschen braucht, denn es ist das Herzstück jeder Gesellschaft. Das sollte anschließend in den Mittelpunkt gerückt werden und das Erkennen mit entsprechenden Maßnahmen umgesetzt.

    Danke ✨

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    1. Danke dir liebe Marion. Das ist, von Deutschland aus gesehen, in der Schweiz noch alles in besserer Ordnung, dank Bürgerversicherung und, in meinem Berufsfeld, der 3-fachen Bezahlung, wie in Deutschland.
      Ich glaube, der wichtigste Schritt wäre, ein staatliches Gesundheitssystem, welches die Akteure, der Gesundheit gegenüber verpflichtet und sonst nichts.

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      1. Lieber Peter

        Die Gesundheitssysteme von D und der CH unterscheiden sich, das ist richtig. Meinst du das mit „Bürgerversicherung“? Ich habe zwar mal zum Stichwort im Netz gesucht, ganz klar ist es mir aber nicht was gemeint ist.
        Ob in der CH diesbezüglich alles noch in besserer Ordnung ist, kann ich so nicht sagen, dazu habe ich auch zu wenig Einblick in die Gesundheitssysteme. Ich selbst ziehe alternative Heilmethoden vor, wenn es irgend geht.
        Das CH System ist viel viel teurer für jeden Einzelnen in der Bezahlung der Krankenkassenprämien.
        Die Bezahlung von Gesundheitspersonal ist besser als in D, das ist zweifellos so. Aber auch hier darf nicht vergessen werden, dass man das nicht so einfach aufgrund eines einzelnen Kriteriums vergleichen kann. In der CH kostet das meiste auch mehr, so dass das bessere Einkommen wieder weg gefressen wird.
        Ein sinnvolles funktionierendes Gesundheitssystem ist grundsätzlich vielschichtig und sicher nicht einfach zu installieren. Dass aber sowohl in D als auch in der CH Verbesserungen nötig und möglich wären, davon bin ich überzeugt.

        Schönen Samstag Abend dir!

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      2. Liebe Marion,

        „Bürgerversicherung“ ist das Schlagwort, wenn man in Deutschland vom Schweizer-Modell spricht.

        Und ja, da kommen noch einige Punkte dazu 42 Wochenstunden statt 38,5, 25 Tage Urlaub statt 30.
        Aber das ich einige Abgewanderte kenne, ist das schweizer System, auch im Sinn von: ich kann das für den Patienten tun, was mir medizinisch richtig erscheint, wesentlich gesünder. Ich musste in D lange nach einem Träger suchen, bei dem ich die Balance noch richtig finde.

        Ich habe 4 Jahre in Österreich gearbeitet, auch dort sind die Verhältnisse gesünder, aber als Grenzgänger lohnen sich die Vorteile nicht, wenn man nach deutschem Recht besteuert wird.

        Auch dir einen schönen Abend 🙂

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      3. Verstehe, lieber Peter. Du kennst die Themen von „innen“. Danke für die Details. Richtig, 38.5 Wochenstd. Arbeitszeit hatte die CH noch nie. Urlaub also auch abweichend, das hatte ich gar nicht auf dem Schirm, aber ja, habe 5 Wochen pro Jahr.

        Dann sind die von dir erwähnten besseren Bedingungen auch der Natur, mit welcher Gesinnung / Wahlmöglichkeiten / Freiheiten man innerhalb des Systems ist, das verstehe ich jetzt besser. Darin hatte ich bisher keinerlei Einblick.

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