Supernova (9)

Von der Liebe erzählen, wollte ich, ehe der Tag mir die Zeit nahm, weil die Gegenwart zufasste, während ich doch, die Vergangenheit fangen und der Betrachtung preisgeben will. Ich glaube, ich erwähnte, dass die Liebe anders wurde, dass sie um die Dimension der Vergänglichkeit erweitert wurde.
Ehe die Pandemie begann, ehe Supernova seine Wirkung tat, befand ich mich eben am Ende meiner ersten langen Beziehung und mitten im Zustand einer großen Enttäuschung. Ich breite es nicht aus, denn mit Abstand werden die Dinge kleiner, wie sie aus der Ferne kleiner wirken. Manchmal ist mir die Enttäuschung von damals peinlich, sie fühlt sich so unverhältnismäßig an. Aber ich lebe damit, weil ich der Meinung bin, man sollte keines seiner alten Ichs verraten, in dem man sich lächerlich empfindet. Wie sonst wäre das gegenwärtige Ich geschützt, nicht selbst verraten zu werden?
Also ich war enttäuscht und ich hoffte noch und kämpfte noch, weil es doch eben ein Merkmal der Liebe ist, dass man kämpft. Nicht zwingt, das ist etwas anderes. Aber meine Kämpfe waren vergeblich und ich tat das einzige Vernünftige, das Nietzsche einmal in dem wundervollen Satz beschrieben hat: „Und wo du nicht mehr lieben kannst, da sollst du vorübergehen.“
Ich ging, ließ los und sah nicht zurück.
Als Supernova um sich zu greifen anfing, fing ich gerade an, mich langsam wieder für eine Partnerschaft bereit zu fühlen. Die Ereignisse aber löschten diesen halben Wunsch und in den nächsten Jahren was den Druck zu überleben höher, als der Wunsch sich zu verlieben Stärke besaß.
Etwa in der Zeit, als ich mir, aus den Resten einer Straße eine Wohnung gebaut hatte und in großen Bottichen Kartoffeln und Tomaten anbaute, begegnete mir eine Frau, die offenkundig noch immer vertrieben war oder erneut, auf Wanderschaft geschickt.
Einsamkeit ist das Schicksal, des Wanderers, sagt ein altes Weisheitsbuch. Vielleicht war es das, was wir in einander erblickten, vielleicht eine geheime Seelenverwandtschaft, vielleicht einfach nur Trieb der sich ein Märchen aussuchte, um nicht so primitiv zu wirken.
Sie sah müde und hungrig aus und war, als wir uns in der Straße, in der ich lebte, begegneten, sehr vorsichtig mir gegenüber.
Das war die Hölle, die ein Teil der Männer, für uns andere, in den Frauen geschaffen hatten: ein abgrundtiefes Misstrauen. Ein ganzes Leben, welches dieses Misstrauen widerlegte, genügte nicht, wenn die dunkle Saat einmal gesät war.
Aber, ich war vorbereitet.
Sie sah mich, machte sich bereit zu rennen oder zu kämpfen und ich hob beschwichtigend die Arme.
„He! Keine Sorge!“ Rief ich. „Ich will dir nichts tun. Ich sah dich von meiner Wohnung.“ Ich zeigte nach oben, undeutlich in die Richtung wo ich lebte, falls sie eine Bedrohung für mich war. „Ich habe lange niemand getroffen, deshalb spreche ich dich an.“
Sie betrachtet mich, vielleicht, war es der Klang meiner Stimme, sie entspannte sich.
„Hast du etwas zu essen?“ Fragte sie und ich fühlte den Hunger, den ich, bis ich mein neues Zuhause fand, oft gelitten hatte.
„Ja, ich habe etwas.“
„Dann bring etwas hierher.“
So tief, das Misstrauen, dachte ich. Wie eine Maus, die überall eine Falle sieht und will, dass man den Speck danebenlegt.
„Okay. Kein Problem. Warte hier.“

03/20 PGF

2 Kommentare

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.