Supernova (10)

Sie aß und blieb. Aber sie lernte nie vertrauen. Sie kämpfte verbissen, um Distanz und jede Nähe die ich ihr anbot, jede Vertraulichkeit bekämpfte sie hartnäckig.
Vor der Supernova-Krise, hätte mich mein Helfer-Syndrom in die Verzweiflung getrieben. Jetzt war, auch in mir, etwas Warnendes, eine etablierte Distanz, durch die ich sie sein lassen konnte, wie sie war. Wenn ich mich früher verliebt hatte, dachte ich die Liebe immer so, wie sie ist, wenn man Kinder hat: nicht nur ein Spiel, nicht nur heiße Sehnsucht und blindes Verlieben, sondern auch eine Pflicht. Da wir keine Kinder hatten, fühlte ich keine Pflicht, dem Kind die Mutter zu halten oder dem Kind der Vater zu bleiben. Ich ließ sie nehmen, was sie wollte, ich gab ihr was sie brauchte und, wenn sie für Tage in die Ödnis verschwand, zu der die Welt geworden war, dann ließ ich sie ziehen, sorgte mich nicht, fragte nicht wo sie war, sondern freute mich, wenn sie wohlbehalten zurückkam.
Manchmal dachte ich, es ist gut diesen Grad an Gleichgültigkeit gewonnen zu haben, aber das verwarf ich wieder, weil ein kaltes Herz vielleicht Freiheit schenken kann, aber niemals Sicherheit und Wärme. Was für eine Liebe aber, soll es ohne Wärme und Vertrauen sein?
Das sind die beschwerliche Seite, unserer Begegnung. Der Hintergrund, den ich annehmen und gestalten musste, um vordergründig, mit ihr glücklich werden zu können. Ich fragte nie, nach ihrer Vergangenheit und da sie nicht davon erzählen wollte, blieb mir verschleiert, warum sie so geworden war.
Mir sprach sie ein besonders stabiles und gesundes Gemüt zu und kam gar nicht auf die Idee, dass mich, ein Weg zu dem geführt hatte, der ich war. So sind viele der Verlorenen: sie halten Glück für angeboren und leiten daraus ab, dass sie zum Scheitern ebenfalls geboren sind.
Auch das ließ ich sie glauben. Ich teilte mit ihr meine Ernte, ich unterwies sie in dem was ich über das Überleben gelernt hatte, wenn sie fror, schenkte ich ihr meine Nähe und, wenn sie schwermütig war, heiterte ich sie auf.
Ich hatte immer eine Zeile von Hesse im Ohr, dass geliebt werden kein Glück sei, aber Lieben umso mehr. In diesen Wochen lernte ich, dass dies stimmte.
Wie lange wir so lebten kann ich nicht sagen. Man lebte nicht mehr in Tagen und Wochen, sondern in Sonnenaufgängen und Sonnenuntergängen und im Wechsel der Jahreszeiten. Wenn sie bei mir war, war es wunderschön.
Wir lernten einander anders sehen. Wir lernten uns, als vergänglich begreifen, vergänglich wie die Morgenröte. Wir lernten demütig, die Gegenwart des anderen genießen.
Ich merkte ihr an, was ich an mir selbst feststellte: ich würde nicht sagen, dass wir wieder glauben lernten. Das blinde Hoffen gewöhnten wir uns ab. Es ging nicht um einen Gott, den man beschwören und durch handeln manipulieren konnte. Aber es ging um eine Haltung, die einem Gebet ähnlich war. Es ging nicht um Moral oder Gebote, aber um eine Idee des Guten. In einer gottlosen, sinnlosen Welt erschufen wir uns Wert, um unser Menschsein zu behaupten.
So lebten wir zusammen: achtsam und freundlich und dankbar, für jede Stunde ohne Hunger, Krankheit, Trennung und Tod.

03/20 PGF

Ein Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.