Supernova (11)

Dann wurde sie krank. Und krank werden hieß, das wussten wir beide: bald sterben. Supernova hatte für die Zurückbleibenden einen erschütterten Verlauf: rasch steigendes Fieber, rasch nach einander versagende Organe, nie ein Zurück, wenn der Prozess einsetzte und ein Schwinden der Körperflüssigkeit, als würde der Kranke im Zeitraffer vertrocknen.
Ich half ihr und linderte, wo ich konnte, die Leiden und war mir selbst ganz fern. Es machte mich betroffen, dass ich mich nicht betroffen fühlte. Wie ein Roboter tat ich, was zu tun war, ohne Lust und Unlust und verzichtete, auf den Versuch es zu wenden.
Als sie tot war, saß ich eine Stunde stumm, neben ihrem Leib, der mich an Herbstlaub erinnerte, welches völlig vertrocknet, sich zusammenrollt. Ich tat nichts, ich saß nur da, fühlte, was ich fühlte und, als ich spürte, dass ich mehr nicht ertrug, hob ich sie auf, brachte sie nach draußen und verbrannte ihren Leib, der in Flammen aufging, wie lange gelagertes Holz.
Dann geschah, was immer geschieht, wenn man jemand verliert: die Sonne geht auf, geht unter und man lebt vorläufig. Das Schicksal hat keine Macht mehr, weil man nirgends mehr hinwill und, weil man nicht mehr lebt, sondern vegetiert.
Eine Weile lebte ich fort, wie ich bis dahin gelebt hatte. Dann brachen meine Gewohnheiten ab, eine nach der anderen. Mir lag nicht weiter daran die Wohnung wieder herzurichten und mir lag auch nicht mehr, an meinen Tomaten und Kartoffeln aus dem Bottich. Das Leben hatte mir einen Abschnitt gegeben und ihn genommen. Ich konnte mir aussuchen, ob ich daran zerbrach oder weitermachte.
Ich war unendlich müde. Weil das Leben, wenn es einem oft prüft, wenn es einem sehr oft prüft, irgendwann das Gefühl vermittelt, dass es einem gar nicht will. Wenn die Pest hauste und der Krieg und der Hunger und die Flucht und was einem lieb war wegstarb, dann war es, als verneine uns das Leben. Das hatte Camus einst geschrieben. Ich wusste nicht mehr wo. Im Mythos?
Aber, ich weiß nicht wie, ich packte den Stein, stellte mich an den Fuß des Berges und begann ihn hochzuschieben. Wie etwas das Freude macht. Wie etwas, dessen Sinn man nicht hinterfragt, einfach, weil es ein trotziges Glück war, auf den Versuch hin zu leben.
Als das nächste Frühjahr richtig warm zu werden begann, verließ ich die Wohnung und die Straße und die Stadt und orientierte mich nach Süden.
Ich lief und lebte von dem, was ich fand und jagte, und, als ich etwa einen Monat unterwegs war, traf ich zunehmend auf andere Wanderer, die alle, wie ich, auf dem Weg nach Süden waren. Von ihnen erfuhr ich, dass sich, nach und nach, wieder menschliche Siedlungen zusammenfanden, die das, was gut war am Menschen, wiederaufleben ließen und dafür sorgten, dass der Rest vergessen wurde.
Man kümmerte sich um Solar- und Windkraft, aber niemand wollte je wieder mit Atomen spielen. Man organsierte die Landwirtschaft, aber verzichtete darauf über große Distanzen Handel zu treiben. Außer, wenn eine andere Siedlung in Not geriet. Dann half man, bis die Not vorüber war.
Da ich nichts zu verlieren hatte, machte ich mich auf den Weg nach Pulsar, wie eine der Siedlungen hieß.

03/20 PGF

17 Kommentare

  1. Puh, deine Geschichte hat mich absolut mitgenommen, im wahrsten Sinne des Wortes. Aber wenn das Leben in Pulsar(?) wieder auf eine humane und liebevolle Art pulsiert, hat sich die Supernova allemal gelohnt! Danke fürs Teilen 🙂 LG Bea

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      1. Da scheue ich aber den Vergleich. Ich habe „Die Straße“ etwa zu einem Drittel gelesen, aber das wurde mir zu schwer.
        Deshalb habe ich mich kürzer gehalten 😉

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  2. Die Fiktion, die Sie fabulös beschreiben, könnte zu einer Lektion für uns alle werden, Wertester. Ich bleibe flitzebogiggespannt gespannt zugetan. Und freue mich unabhängig davon auf die bald einsetzende Saatzeit. Gehütete Sämereien, ruhende Erde und rührige Finger sind bereit. Pulsar. Ein schöner Name eigentlich. Urbar war auch mal wohlklingend. Ich bleibe dran.

    Wohlmitternachtsgrüße, die Ihre.

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    1. Werteste, ich danke von Herzen für die wohlklingende Rückmeldung zum bescheidenen Geschreibsele.
      Tatsächlich rüste ich mich realseitig auf die Pflanzenzeit, mit dem großen Thema Kräuter, wobei ich mich diesesmal mit Ysop und Heiligenkraut, über Pfefferminz und Melisse weit hinaus lehnen will. Ach, ich werde plaudrig …

      Der Ihre vom See, angefasst von seltsamen Tagen.

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      1. Plaudern Sie, Wertester, plaudern Sie. Es sind diese seltsamen Tage, an denen wir Gegenkräfte bestärken müssen. Ich glaube an die Kraft der freundlichen Gedanken.

        Heute wurden erste Wickensamen gelegt. Und rote Sonnenblumenkerne. Jetzt folgen zwo Aussaattage für Blattertragspflanzen, danach erste Wurzelgemüse. Wobei ich da vorsichtig bin, die Nächte sind natürlich noch sehr kühl.

        Minze und Melissen dürfen sich hier auch verselbständigen, halten Sie mich ruhig ysopisch auf dem Laufenden.

        Herzliche Grüße aus dem fruchtbaren Zwostromland, die Ihre, abendplaudernd zugetan.

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      2. Werteste, da haben Sie sich was angefangen, mit ysopischen Anfragen.

        Das Winterharte steht bereits schon wieder an seinem Platz, während die Alterden-Töpfe noch neu befüllt und besät werden wollen.
        Ich schiebe das noch eine Woche, aus Kraft- und Frostgründen.

        Sie werdens kennen: auch Blutampfer, Pimpinelle und Weinraute wollen sich dieses Jahr ein Plätzchen auf dem südseitig gelegenen erobern.

        Die Päckchen beruhigen mich, gerade noch Zeit für eine Direktsaat zu haben.

        Ich berichte.

        Der Ihre vom See entzaubert, entplaudert und trotzdem irgendwie froh.

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  3. Danke Peter!
    Dieser Text ist stark, gewichtig durch die tiefe eigene Betroffenheit und unendliche Schwere dessen, was scheinbar über menschliche Grenzen und das eigene Vermögen hinaus geht. Und dann geht das Leben weiter, die Sonne auf und unter und irgendwann zeigt sich ein Hoffnungsschimmer am Horizont. Den werden wir in den kommenden Wochen noch öfter brauchen können.
    Liebe Grüße
    Marion

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