Supernova (12)

Mit meiner Ankunft in Pulsar kam die Hoffnung, in mein Leben zurück. Nicht nur in meines, auch in das der anderen Bewohner. Es war ein behutsames und sehr bewusstes miteinander umgehen, welches ich in den ersten Wochen erlebte. Die Überlebenden hatten verstanden, dass es nicht eine Frage von Regierungssystemen und technischem Fortschritt war, der über unser Leben entschied, sondern der Mikrokosmos der Kommunikation und des Zusammenlebens, waren Anfang und Ende unserer Entwicklung. Jeder war sehr bedacht darauf, wie er sich verhielt, jeder bemühte sich Missverständnisse zu zerstreuen, aber auch Nachsicht zu zeigen, wenn eines entstand.
Pulsar war in den Ruinen einer Stadt von mittlerer Größe entstanden. Mir wies man ein Haus am Rande der Stadt zu, welches ich mir, mit Hilfe der anderen Bewohner herrichten konnte. Auch bei den Arbeiten an meinem Zuhause erlebte ich, was ich überall wahrnahm: eine größere Sorgfalt beim Entscheiden und Tun. Unentschlossenheit, Zögern, Geduld waren keine Makel mehr, wir hatten als Art unsere Lektion gelernt. Die Erde hatten wir uns unterworfen, aber Supernova hatte sich uns unterworfen, wie eine uralte, hochintelligente Macht, die sich nach langem Schweigen aus der Dunkelheit erhoben hatte, um uns, in unsere Schranken zu weisen.
Wir wurden wieder zum Teil des Ganzen. Die Natur war nicht mehr Teil von uns, der sich unseren Wünschen anzupassen hatte, sondern wir hatten unsere Bedürfnisse, dem Zusammenspiel von allem Leben anzupassen.
Vieles wurde verwirklicht, was bereits in der Zeit, als Supernova über die Erde fegte bereitlag, aber nie genutzt wurde, weil der Leidensdruck nie groß genug geworden war. Wir lebten ökologisch, aber wir nutzten technische Möglichkeiten. Wir hatten unsere Unterhaltung, aber es pflegte auch jeder die Kultur. Wir trieben Wettkämpfe und der Sport ersetzte uns, was der Krieg an Kräftemessen ins Zerstörerische getrieben hatte. Es gab keinen Überfluss, aber wir wurden alle satt. Und, wenn die Wochen karg waren, wurden eben alle nur ein bisschen satt.
Vom Gedanken der Gleichheit nahmen wir Abschied. Es gab keine Gleichheit, es gab alt und jung, Mann und Frau, Häuser und Felder die günstiger lagen und solche deren Ernten mäßiger ausfielen. Deshalb gab es ein Gefühl von Verantwortung bei den Begünstigten und ein Gefühl von Gerechtigkeit, bei denen die durch die Gemeinschaft unterstützt wurden. Das Ziel war jetzt: dass jeder angemessen behandelt wurde.
Ich fügte mich, in diese Gemeinschaft, ohne Mühe. Ich war ja, auch hier, nur Gast auf Zeit und als ich mich, einige Monate später, in eine Frau verliebte, die nach mir, nach Pulsar kam, da war es kein Glück, welches ich fühlte, also kein Glück, wie ich es früher empfunden hatte, alles andere auslöschend, als würde daran mein Leben hängen. Ich fühlte Dankbarkeit, für die Erfahrung, deren Anfang ich genoss, deren Verlauf ich schön gestalten wollte und um deren bitteres Ende ich wusste.
Das Glück ist nicht von Dauer.
Das Glück ist nicht von Dauer, diesen Gedanken hätte ich eigentlich zum Ausgangspunkt, dieses kleinen Rückblicks machen müssen, der pro Zeile ganze Wochen erzählte. Aber ich mag es jetzt nicht mehr umschreiben. Es ist keine Tatsache, die man zu Anfang hören will. Aber am Ende kann ich sagen: Alles was zu erzählen war, spielte sich vor diesem Gedanken ab: es ist nicht von Dauer. Das Glück nicht und nicht das Unglück. Aber wir haben jeden Tag die Chance, an einem Wunder teilzuhaben, welches sich ganz am Rande des Universums abspielt.
Bis zur Supernova …

Ende

03/20 PGF

10 Kommentare

  1. Ich bin absolut geflashed, Was für eine geniale, weil aktuell so wirklich gut nachvollziehbare, Erzählung!!!!
    Oder vielleicht gerade, weil es so aktuell ist? Ich werde es leider nicht herausfinden können, weil ich die Supernova jetzt – und nicht vor 3 Monaten las….. Danke und Hut ab!!!! 🙂

    Gefällt 4 Personen

    Antworten

  2. Da wir nichts festhalten können, sondern Wandel zum Leben gehört, entsteht Glück aus Momenten heraus, ungeplant, uninszeniert, einfach so. Und verweht… Bis es wieder entsteht. Wenn ich mich auf diesen Rhythmus einlassen kann, habe ich die Chance auf glückliche Momente, immer wieder.

    Was von Dauer sein kann, ist die Verbindung im Herzen mit allem was ist. Dann ist jeder Moment kostbar, gut und richtig. Daran webe ich…

    Komm gut in eine friedliche Nacht, lieber Peter

    Gefällt 2 Personen

    Antworten

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.