Exit-Strategien

Habt ihr jemals ein einschneidendes Erlebnis durchlebt, durch welches sich euer Leben nicht grundsätzlich verändert hat?
Ich erinnere mich an keines. Einschneidende Ereignisse waren immer Wendepunkt, aber das kann eine persönliche Schwäche sein und andere machen weiter wie vorher – nur ich glaube das nicht. Wenn man das „Außen“ stabil hält, dann ist eben im Inneren etwas verändert, erschüttert, verunsichert, nicht wie es war.
Schon jetzt merke ich, wie die Krise Menschen, um mich verändert. In den meisten Fällen verstärkt sich der Charakter, andere zeigen eher eine Form von Schockstarre. Bei ihnen werden sich die Auswirkungen erst später zeigen. So, wie bei der Generation, die jetzt von der Krise geprägt wird. Es wird etwas bewirken in den jungen Seelen, die Unterhaltung und Konsum bis zum Anschlag gewohnt waren.
Man wird sie ermuntern, zur „Normalität“ zurückzukehren und ich bin sicher, in den ersten Monaten werden die alten Gewohnheiten ihren Platz zurück erobern, aber sie werden weniger unbeschwert sein, eher, wie ein Hobby, an dem man früher Spaß hatte, aber dem man entwachsen ist.
Bei Vielem wird es auch gut sein, nicht zu vergessen: Wie schnell eine Situation eintreten kann, indem Handytracking schmerzlos erwogen wird, Freiheitsrechte diskussionslos beschränkt werden, schlechte Präsidenten ungebremst dramatische Verläufe belächeln können, weil der Wähler, weil der Wähler doch nicht so mündig ist …
Ich jedenfalls merke, wie das Skript, an dem ich schrieb, sich anders anfühlt und anders schreibt. Verhaltensweisen die vor drei Wochen noch plausibel schienen, wirken jetzt relativiert, gesellschaftliche Normen die unbestritten galten, könnten auch verworfen werden und mein Gefühl – die Welt ist fragil – was vielleicht eine Schwäche war, ist jetzt belegt. So stark in die Realität getreten, dass mir der Boden dafür fehlt, damit als Fiktion zu spielen.
Das was aktuell, als Exit-Strategie diskutiert wird, umfasst nur – und das ist typisch für uns geworden – wirtschaftliche Aspekte. Aber wir werden nach ganz anderen Strategien suchen müssen, um zu verarbeiten und zu bewerten, was diese kollektive Erfahrung mit uns gemacht hat.
Vielleicht ist das sogar die Chance: Es war eine kollektive Erfahrung …

04/20 PGF

5 Kommentare

  1. Das meiste sehe ich ähnlich wie du. Ich befürchte sogar, es könnte kurz genug dauern, um zu schnell zum Gewohnten zurück zu kehren. Aber diese Befürchtung ist, so wie es aussieht, nicht berechtigt. Ich hoffe, dass es nicht möglich sein wird übergangslos zum vorherigen Zustand zurück zu kehren. So dass vieles neu überdacht werden kann und muss. Wenn bestimmte Systeme und Gewohnheiten zusammen brechen oder wegbrechen, dann muss neu gedacht werden. Das würde / wird uns allen gut tun.

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  2. Einschneidende Erlebnisse bringen immer Veränderungen mit sich, sonst wären sie nicht einschneidend. 🙂

    Hinsichtlich der „diskussionslosen“ Beschränkung der Freiheitsrechte gebe ich zu bedenken, dass für eine Diskussion nun ja wirklich wenig bis gar keine Zeit zur Verfügung stand (insbesondere, wenn man weiß, wie lange politische Diskussionen bis zur Entscheidungsfindung hierzulande oft geführt werden) und man diese Beschränkung nicht aus Spaß durchgesetzt hat, sondern zum Schutz der Bevölkerung.

    Und wenn es der Allgemeinheit dient, vorübergehend auf Grundrechte zu verzichten, dann tue ich persönlich das gerne. 🙂

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    1. Lieber fraggle, da rhetorische Fragen die zu erwartenden Antwort beinhalten und – wir werden es vielleicht noch sehen – die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen zurückblickend evaluiert werden sollte und ich das stille Vergnügen habe, der Allgemeinheit eben dort zu dienen, wo ihr Verzicht (auch das werden wir noch sehen) Erleichterung bewirken soll (wenn Altersheime Aufnahmestopp verhängen und zeitgleich Akuthäuser voll laufen, weil die anderen Krankheiten einfach nicht bereit sind, ihr Vorkommen auszusetzen, stellt sich irgendwann die Frage: Wer versorgt wo, eigentlich die ganzen üblichen Kranken?) wünsche ich dir kurzer Hand einen schönen und erholsamen Abend und danke dir für deinen Kommentar.

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