Mord in Cutlery Hall (1)

Der größte Teil des Krähenschwarms erhob sich in die Luft, während wir uns näherten. Nur ein paar Hungrige, der Vögel, blieben am Boden und hüpften weg von der Leiche, die, wie ein gebrochener Baum im Feld lag. Nur gerade so weit, dass sie weiterspeisen konnten, wenn wir wieder verschwunden waren.
Ich ging mit etwas Abstand hinter meinem Meister, weil ich wusste, dass er am Morgen, Gesellschaft schlecht vertrug. Als wir den Tatort erreichten, sah ich, über die Schulter meines Meisters, dass es sich, bei dem Leichnam, um einen Dorfjungen hielt, welcher der Gewalttat zum Opfer gefallen war. Vielleicht war er in meinem Alter, sechzehn, siebzehn, älter tippte ich ihn nicht. Sein stämmiger Körper lag, wie zertreten, in die dunkle Erde gepresst, als hätte etwas versucht ihn in den Acker hineinzuziehen. Sein blondes Haar, war mit getrocknetem Blut besudelt. Sein Blick war gefroren in nacktem Entsetzen.
Mein Meister kniete sich, zu dem Leichnam nieder und betrachtete ihn ruhig von oben bis unten. Dann stützte er sich auf seine rechte Hand, um den Leichnam von der Seite zu betrachten, als könnte er so unter den Körper sehen. Er richtete sich wieder auf, lehnte sich nach vorne und hob die Hand die geübten 5 Zentimeter über den Leib, um Temperatur und Energiepegel zu Toten zu fühlen.
Die Technik des mit den Händen hören, hatten wir in der Akademie bereits besprochen, aber noch nicht geübt. Ich sah Meister Barral fasziniert zu, wie er seine Hand über den Leichnam hinweg gleiten ließ, über Nase, Hals, Brust, Bauch, Oberschenkel, Füße, die Hand im immer gleichen Abstand über dem Körper schwebend. Fast, wie die Nebel, die an diesem Morgen, noch über die Felder zogen. Es würde ein sonniger Tag werden, daran zweifelte ich nicht, aber im Frühjahr hielten sich die Nebel in Cutlery Hall oft bis zum Mittag, sodass man sich, wie Herbst fühlte.
Meister Barral hielt inne. Er sah über den Leichnam hinweg, als blicke er, durch die Nebelschwaden zum Horizont.
„Schattengänger?“ Fragte ich und gab mir Mühe, die Erregung in meiner Stimme zu verbergen. „Oder die Seuche?“
Mein Meister schnaufte.
„Ihr seid viel zu ungeduldig, ihr jungen Leute. Meint mit einem Blick müsste man alles wissen. Der Knabe ist tot. So viel weiß ich. Er liegt hier im Feld, als hätte ein Wiedergänger ihn holen wollen und das Blut an seinem Schädel und die Angst in seinen Augen, verrät mir, dass er keinen Spaß beim Sterben hatte.“
Ich wurde rot.
„Entschuldigt Meister, ich wollte nicht vorschnell sein.“
„Du bist neugierig, Aaron, so ist das Blut der Jugend. Wo es dich hinbringen kann, kannst du hier sehen.“
Ich blickte in die Augen des Toten und zuckte ein wenig zurück. Ich hatte noch nie einen Toten gesehen. Mir schauderte. Zum ersten Mal in meinem Leben, blickte ich dem Tod ins Angesicht.

04/20 PGF

10 Kommentare

      1. Ich bin selbst noch gespannt, wie weit ich komme … es war eher die Idee zu einem Charakter, als einem Thema, die zum „einfach mal anfangen“ führte.

        Motivation zu finden, ist auch nicht leicht, das dominante Thema, normiert die Leben, es ist manchmal, wie ein real gewordene Dystopie, bei der ich froh bin konkret zu erleben, dass wir die Situation ernstnehmen sollten und sie (noch)? nicht instrumentalisiert ist.

        In solchen Zeiten hilft nur spielen 😉

        Liken

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