Mord in Cutlery Hall (3)

3.

Zurück im Haus meines Meisters, führte er mich in seinen Kräutergarten, indem verschiedene Heilkräuter, aber auch einfache Tees und Haushaltsmittel wuchsen: Heiligenkraut gegen Motten, verschiedene Minzarten, Ysop, Bauerntabak, weißen Salbei, Habichtskraut, Blutampfer und viele andere Sorten, die ich erst noch kennenlernen sollte.
Mein Meister war kein einfacher Mensch. Aber sehr einprägsam. Ein Mensch, wie man ihm vielleicht nur einmal im Leben begegnet. Es wirkte, auf mich, unglaublich entschlossen. Als wüsste er immer ganz genau was er will, wohin er will und, als wüsste er immer die Richtung in die es zunächst gehen musste. Als würde er nie am Sinn seines Tuns zweifeln oder dem der Welt oder jedes einzelnen, fragwürdigen Atemzugs.
Mir ging es da ganz anders. Ich war immer unentschlossen, weil ich nicht wusste, ob es einen Sinn an sich gab. An der Akademie hatte ich gelernt, es mir nicht einfach zu machen, indem ich mir einen Gott erfand, der mich lenkte und den ich, durch das Gebet manipulieren konnte. Fanatiker hatten nie Zweifel am Sinn, das machte ihren Irrsinn aus. Davor wollte uns die Akademie bewahren. Aber wer zweifelt und fragt und überlegt, der zaudert auch. Darauf gab sie uns keine Antwort.
Barral zauderte nicht und das stellte mich, ab unserer ersten Begegnung, vor zwei Hypothesen: Es war sein Talent, ein Gemüt, welches ihm in die Wiege gelegt war. Oder: Er hatte die Frage nach dem Sinn des Lebens zu Ende gelitten, bis zur letzten bitteren Frage: leben oder sterben? Und, weil er lebte, musste er, irgendeine Lösung gefunden haben, die ihn jetzt, wie ein innerer Kompass lenkte.
Ob ich damit richtig lag, will ich noch nicht beantworten. Ich verrate nur, dass ich sie beantworten werde. Später …
„Meister?“ Ich zeigte auf eine blütenreiche Staude. „Benötigen wir Malvenblüten?“
Er sah nicht auf und konzentrierte sich, die Melisse zwischen seinen Händen von gelben Blättern freizuzupfen.
„Ja, nimm ein paar Blüten. Nicht für den Fall, aber für einen Tee. Malventee ist wundervoll, er nährt die Seele.“
Ich bückte mich und suchte mir die reifsten Blüten aus.
„Aaron?“
Ich ließ mich nicht ablenken und antwortete, während ich pflückte: „Ja, Meister.“
„Was denkst du nun, über unseren Toten im Feld?“
„Wie meint ihr?“
„Nun, wenn ich dich fragen würde, nach dem Ausschlussverfahren: Was oder wer hat seinen Tod verursacht? Was würdest du antworten?“
Ich wusste, dass dies eine Art Test war und konzentrierte mich, auf die Antwort.
„Ich würde die Seuche ausschließen, dagegen spricht das Blut.“
„Auch dagegen, dass er wegen der Seuche getötet wurde?“
„Dagegen nicht. Aber, sie hat seinen Tod nicht verursacht.“
Barral schwieg zustimmend.
„Einen Wiedergänger, halte ich am wahrscheinlichsten.“
„Aber, nach Wahrscheinlichkeit habe ich nicht gefragt.“
„Wäre aber möglich, dafür spricht die Brutalität.“
„Wiedergänger werden, in Cutlery Hall selten gesehen.“
„Ihr meint, das spricht dagegen die Wahrscheinlichkeit.“
„Könnte, mein lieber Aaron, könnte. Wir spielen nur mit Möglichkeiten.“
„Aber Ihr lenkt mich zur These, eines menschlichen Motivs?“
„Tue ich das?“
„Ja, weil ihr alles andere in Frage stellt, kaum, dass es ausgesprochen ist.“
Barral ließ von seinen Kräutern ab.
„Dann hast du deine erste Lektion gelernt: Misstraue der Objektivität. Wir wollen immer beweisen, woran wir glauben, auch, wenn wir es Studie oder Experiment nennen. Du willst daran glauben, dass es ein Wiedergänger war und ich, dass es sich, um ein Verbrechen unter Menschen handelt. Aber am Ende, kann es durchaus eine Folge der Seuche sein. Vielleicht ein neues Symptom: Krampfanfälle und Gefäßrupturen, dann wäre das Blut auch erklärt. Es ist ein Wettstreit der Ideen, keiner der Wahrheit, vergiss das nicht. Die Wahrheit ist omnipräsent.“
„Aber sind wir nicht da, die Wahrheit zu finden?“
„Doch natürlich, bis zwei unserer Ideen, als blutige Leichname, im Feld der Erkenntnis liegen.“

04/20 PGF

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