Mord in Cutlery Hall (4)


4.

Die Obduktion des Toten, führte Meister Barral in seinem Keller durch. Der Bauer, dem der Knecht gehörte, hatte den Leichnam auf einen Karren geworfen und ihn dann, von einem Lastgaul gezogen zum Haus des Prinzipals gebracht.
Nach dem Ablegen der Leiche war der Bauer schnell wieder verschwunden. Wer den Toten in den Keller gebracht und dort auf den massiven Holztisch gelegt hatte, erfuhr ich nicht. Ebenso, wie ich nicht erfuhr, wer die Öllampen befüllt und angezündet hatte.
Jedenfalls, als wir den Keller betraten, herrschte eine unheimliche und bedrohliche Atmosphäre, eine Atmosphäre, wie sie herrscht, wenn Leichen plötzlich zu flüstern beginnen.
„Hast du Angst?“
Ich sah auf und machte ein gleichmütiges Gesicht.
„Nein, Meister. Ich bin etwas aufgeregt, es ist meine erste Obduktion, aber, was soll schon geschehen?“
„Eben, ich habe ja Silberbesteck, für die Obduktion.“
„Sil-ber-besteck?“
„Ja, falls es ein Wiedergänger ist, wird das Fleisch zischen, sobald ich hineinschneide.“
Barral wandte sich ab und zog eine schwere Lederschürze an, die ihm vom Hals bis zu den Füßen reichte.
„Halte du etwas Abstand. Ich habe nur eine.“
Ich verriet nicht, dass mir das durchaus entgegenkam.
Den Schnitt vom Schamhaar bis zum Hals, überstand ich noch einigermaßen gefasst. Dass das Fleisch nicht gezischt hatte, als mein Meister sein Skalpell hindurch zog, schien mir alles weitere einfacher zu machen. Aber dann nahm er die Knochensäge hervor, trieb sie in Richtung der Baucheingeweide und begann, das Brustbein kopfwärts zu durchsägen. Der Knochen knackte, wie wenn man einen Hähnchenflügel abbricht, während der Rücken des Toten sich schmatzend vom Tisch löste.
Ich wandte mich ab und rannte. Ich schaffte es ebenso noch nach draußen und zu einer Hecke in der nichts bedeutsames wuchs, dort erbrach ich mich geräuschvoll. Ich hatte Mühe aufrecht zu bleiben, denn mir zitterten die Knie. Irgendwann war mein Magen leer und ich musste es nur noch schaffen, das Würgen wieder loszuwerden.
„Na, deine erste Obduktion mit dem Meister?“ Fragte eine helle, angenehme Stimme, die nach etwas Spott, aber viel Mitgefühl klang.
Ich sah auf und entdeckte ein hübsches, junges Mädchen, etwas älter als ich, dass unter dem Arm eine geköpfte und gerupfte Ente trug, die sie notdürftig in ein Tuch eingewickelt hatte, damit ihr Kleid nicht schmutzig wurde.
Sie lächelte und ich wurde rot.
„Na, heute Abend kannst du deinen Magen wieder füllen. Ich bringe euch die Ente, die Meister Barral bestellt hat.“
Ich nickte unhöflich und fühlte mich elend, so dumm, vor dem hübschen Bauernmädchen zu stehen. Als künftiger Prinzipal musste ich Autorität ausstrahlen und nicht Schwächlichkeit.
Sie störte sich nicht an meiner Reaktion.
„Wenn du wieder nach unten gehst, sag ihm, ich bin in der Küche und fang schon mal mit dem Kochen an.“
„Ich wollte eigentlich“, fing ich an und merkte, dass ich es nur schlimmer machte, wenn ich weitersprach. „Ja, ich gehe gleich wieder nach unten. Er braucht ja sicher, meine Hilfe.“
„Sicher braucht er die.“
Sie ging davon. Ließ mich stehen und ich sah ihr nach.
Zurück im Keller fand ich meinen Meister bei der Arbeit. Er sah nicht auf.
„Da ist eine junge Frau, die“.
„Ah, Lydia. Hat sie die Ente gebracht?“
„Ja, sie ist damit in die Küche.“
„Gut, dann haben wir Zeit. Sie ist meine Nichte und hilft mir ab und an. Komm her, damit du siehst, woran er gestorben ist.“
Ich sah in ein wüstes Durcheinander von Innereien, die ich kaum voneinander zu unterscheiden wusste.
Von den Füßen beginnend, erklärte Barral: „Die Beine waren in Ordnung. Er ist nicht umgeknickt und gestürzt. Die Beckenorgane waren unauffällig. Im Darm gärte das Essen von gestern, der Magen wies noch Reste vom letzten Mahl auf. Sein Herz und seine Lunge zeigten keine Anzeichen eines Gerinnsels. Die Wirbelsäule war nicht verletzt. Er ist an einem Schlag auf den Kopf gestorben.“ Er winkte mich näher her. „Siehst du, da ist der Bruch im Schädelknochen und da ist das Hirngewebe eingedrückt.“
Ich unterdrückte jede Emotion und konzentrierte mich auf Barrals Ausführungen.
„Also ein Verbrecher unter Menschen?“
Barral ließ den Kopf aus seinen Händen zurück auf den Tisch gleiten.
„Ich hätte dich ja gerne widerlegt. Aber, siehst du das?“
Er zeigte auf den Wundrand, wo es grünlich schimmerte, als leuchte die Wunde von selbst.
„Das ist mir eben nicht aufgefallen.“ Gestand ich.
„Konnte es nicht.“
Barral berührte den Leichnam und das Leuchten verschwand.
Ich sah ihn überrascht an.
„Eine Polarisation? Die Substanz wird nur lebendig, wenn der Tote nicht im Kontakt mit Lebendigem steht?“
„Exakt, in der Theorie hast du aufgepasst. Und was sagt dir das?“
„Der Täter hat eine Waffe aus Schattengold verwendet.“
„Bravo Aaron, dein Gehirn hast du nicht, mit deinem Magen, entleert.“

04/20 PGF

6 Kommentare

  1. Es ist sehr spannend und ich freue mich auf mehr. 🙂
    Aber über folgendes bin ich gestolpert:
    „Ich nickte ‚unhöflich‘ und fühlte mich elend, so dumm, vor dem hübschen Bauernmädchen zu stehen.“
    Soll das wirklich unhöflich heißen? Ich denke, nein. 🙂
    LG….

    Gefällt 1 Person

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    1. Danke lieber Lu. 🙂

      Hautnah auch erlebt, während der Ausbildung. Tatsächlich ist die Versachlichung: „Ach ist das eine Arthose-Entwicklung am Femur-Kopf?“, „Ach so ist das Lageverhältnis zwischen Pankreas und Gaster.“, Das Mittel zum Zweck, um Empathie und Erkenntnis in Balance zu bringen.
      Gold, ist ein Dozent wert, der die Würde des Verstorbenen, mit dem Erwerb tieferen Verständnis, in Verbindung zu bringen weiß.

      Es grüßt dich vom See
      Pe

      Liken

      Antworten

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