Mord in Cutlery Hall (5)

5.

Das Essen wollte mir gar nicht schmecken, nicht, weil die Ente schlecht zubereitet war oder mich, die Bilder von der Obduktion, beschäftigten. Es war Lydias Anwesenheit, die mir, jeden Bissen, schwer zu kauen, schwer zu schlucken machte. Ich fühlte mich vulgär, in ihrer angenehmen Gegenwart zu kauen, wie ein Schwein am Trog, wenn eine Prinzessin vorüber geht.
Ihr ging das gar nicht so. Sie zupfte mit fettigen Fingern Fleischstücke vom Rest ihrer Ente und auch die Kartoffeln aß sie geradewegs mit den Händen, die sie sich nach jedem Bissen schmatzend ableckte. Ob ich das nicht vulgär fand? Seltsamerweise gar nicht. Im Gegenteil! Das Essen schien mir genau diesen Genuss zu verdienen, nur eben nicht von mir. Ich sah nicht ihren kauenden Mund, ich sah ihre leuchtenden Augen, ich sah nicht die fettigen Finger, sondern ich sah schlanke, schöne Hände. Wenn ich ihren Mund sah, dachte ich nicht: Wie kaut die denn? Ich dachte: Wie schön muss es sein, diese weichen Lippen zu küssen.
Während mir auf der einen Seite die unangenehm angenehme Gegenwart von Lydia zu schaffen machte und mein Denken in zwei Hälften spaltete, nahm den unsortierten Rest Meister Barral in Anspruch, der mich, während er munter aß, mit Fragen beschäftigte.
„Und was habt ihr, in der Akademie, über Schattengold gelernt?“
Ich war froh, um einen Grund, nicht länger vergeblich, mit Messer und Gabel, das Fleisch von meinem Entenbein zu filetieren.
„Ach so. Ja. Wir hörten, dass es in jenem Erdzeitalter, als mancher Grund sich in Kohle verwandelte und der andere in Gold, eine Erde gab, die nach einem furchtbaren Massaker, mit dem Blut von Himmelshütern verunreinigt wurde. Diese Erde wurde, in den kommenden Jahrmillionen unter dem Druck der Erdkruste nicht in Gold und nicht in Kohle verwandelt, sondern wurde zu Schattengold, welches, im Gegensatz zu Silber, Wunden nicht reinigt und Wiedergänger entlarvt, sondern wie rostiger Draht Krankheiten auslöst und in der Hand von Wiedergängern zu einer furchtbaren Waffe wird und in der Hand von Menschen, wie zu einer Tollwut, bei ihnen führt.“
„Und zu einer Waffe geschmiedet hinterlässt Schattengold was?“
„Spuren der Polarisation.“
„Was bedeutet?“
„Das Leben ist bi-polar, bei er Polarisation tauschen die Pole ihren Platz.“
„Du meinst sie verschmelzen?“ Wollte Lydia wissen.
Ich war froh ihr die Antwort bieten zu können.
„Nein, sie kehren sich um: Der Tag wird dunkel, die Nacht wird hell, die Kälte wärmt und in der Sonne friert man, das Lebendige welkt und das Tote erhebt sich neu.“
„Aber das macht doch alle verrückt.“
„Deshalb ist es so gefährlich.“ Übernahm Meister Barral. „Es kann eine Kettenreaktion entstehen, die alles verkehrt und entstellt was wir kennen. Wie die Seuche, die sich überall verbreitet, nur noch schlimmer, weil wir uns nicht mehr zurechtfinden.“
Lydia sah ihren Onkel nachdenklich an.
„Also müsst ihr rausfinden, wer eine solche Waffe hat, um die Gefahr einzudämmen?“
Barral nickte.
„Deshalb ist Aaron da.“
Ich hatte Messer und Gabel wieder aufgenommen und versuchte im Schatten des Gesprächs meines Meisters und seiner Nichte ein paar Bissen zu essen. Kam aber nicht weit.
Lydia sah mir erheitert zu.
„So wird es nichts mit der Obduktion.“ Neckte sie mich. „Wenn du schon an einem Stück Ente scheiterst.“
Ich wunderte mich, ob sie schon einer zugesehen hatte, um das beurteilen zu können.
„Ach ja.“
Ich sah auf Messer und Gabel.
„Leg die doch bei Seite und iss mit den Händen.“
Wie, um mich zu ermuntern, nahm Lydia ein Stückchen Fleisch auf und steckte es vergnügt in den Mund.
Ich wackelte unentschlossen mit dem Kopf und legte das Besteck bei Seite.
„Ja, wenn du meinst.“
„Das darfst du aber nicht, bei deiner ersten Obduktion, genauso machen.“ Sie strahlte mich übermütig an.
Ich verstand erst nicht.
„Ach so. Ja. Nein. Da nehme ich natürlich das Skalpell.“
„Wollen wir hoffen, es kommt nicht so schnell dazu.“
Meister Barral sah uns hoffnungsfroh an. Unsere Gesellschaft schien ihm gut zu tun.
„Ja.“ Sagte ich und verkannte die Situation.

04/20 PGF

9 Kommentare

  1. Ich kann nur eins sagen: Du musst definitiv schneller schreiben! Richtig spannend, deine Geschichte.Jetzt sogar noch mit ein wenig Amore gespickt, macht es mich noch neugieriger, wie es wohl weitergehen wird… 🧐

    Gefällt 1 Person

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