Mord in Cutlery Hall (6)

6.

Die Kutsche brachte uns nach Sorrowwind Fields. Die so benannten Sümpfe lagen südlich von Cutlery Hall. Durchquerte man sie, kam man, nach einer Stunde Fußmarsch, nach Darewood Country. Dort gab es einen reichhaltigen Wochenmarkt, einen großen Pub, mit dem angeblich besten Ale und das „Fishermans Hope“, ein beliebtes Gasthaus, mit vorzüglichen Fischspezialitäten.
Meister Barral erzählte mir all das, während unsere Kutsche zu den Sümpfen schwankte und mir zunehmend unbehaglich wurde.
In der Nacht war eine zweite Leiche gefunden worden. Direkt in den Sümpfen. Von einem Jäger, der mit seinem Hund, einen Hirsch verfolgte. Wir wussten nichts über das Opfer, aber ich wusste, dass es heute meine Aufgabe sein sollte, den Tatort und die Leiche zu untersuchen. Mir graute doppelt bei dem Gedanken: Zum einen etwas falsch zu machen, zum anderen so rigoros an meine Grenzen zu kommen, wie bei der Obduktion. Als mein Magen sich weigerte zu ertragen, was meine Augen, zu durchleuchten, sich bereit erklärt hatten.
Der Kutscher bremste die Pferde und wir hielten, an einem dampfenden Stück Land, in dem die Moore sich verbargen.
„Passt auf die Wege auf“, rief uns der Kutscher zu, während wir aus der Kutsche stiegen. „Die Pfade sind schmal und verzeihen keinen Fehltritt.“
Barral hob die Hand zum Dank und ging vor mir her. Wir mussten nicht weit gehen, ehe wir den Ort des Verbrechens erreichten. Der Jäger wartete noch. Als wir näher kamen fing sein Jagdhund an, warnend zu bellen.
„Ruhig, Rufus!“ Hörte ich den Jäger befehlen, der Hund gehorchte sofort.
Das Tier machte Platz und wir gingen auf den Mann zu, der sein Gewehr lässig über die Schulter geworfen hatte.
„Sie waren schnell.“ Lobte er.
Barral trat näher auf ihn zu.
„Es ist ja nicht der erste Mord und ich fürchte, wenn wir nicht schnell sind, nicht der letzte. Kennen Sie das Opfer?“
„Ich meine es wäre eine der Töchter des Metzgers. Josefine vielleicht. Die Jüngste.“
„Hat das Moor sie sich geholt.“
Der Jäger schüttelte den Kopf und machte ein verdrießliches Gesicht.
„Nein, sie wurde von etwas anderem geholt. Etwas mit dunklen Absichten.“
„Wie kommen Sie darauf?“
„Ihr fehlt das Herz.“
Barral sah mich an.
„Komm Aaron. Du bist dran.“
Die Leiche sah schlimm aus. Wie ein Kadaver, an dem sich die Krähen und die Wölfe satt gefressen haben. Ich meinte ohnmächtig zu werden. Aber Meister Barral versetzte mir einen Stoß, der mir das Adrenalin in die Blutbahn trieb.
„Los.“
Ich taumelte mehr, als das ich ging, zu der Toten, deren zuvor sicher liebliches Gesicht von feinem, blondem Haar umrahmt war. Jetzt starrte es mich blau und kalt an, als wäre mir vorzuwerfen, sie nicht gerettet zu haben. Unterhalb von ihrem Hals gähnte mich eine gewaltige Wunde an, die zu betrachten, ich kaum aushielt.
Ich ging in die Knie und hob meine rechte Hand, über die Tote. Ich war froh, um die fünf Zentimeter Abstand die ich einhalten musste. Ich hielt meine Hand über die Stirn und bewegte sie ungeduldig vor und zurück.
„Suchst du?“ Hörte ich Meister Barral hinter mir.
„Ja“ meine Stimme war belegt, mit Ekel und Angst, „ich versuche.“
Ich spürte die Hand meines Meisters die sich sanft auf meine Schulter legte.
„Aaron, du sollst nicht suchen. Du sollst hören. Es heißt nicht umsonst Listening – die Kunst des mit den Händen Hörens.“
Ich wandte ihm den Kopf zu.
„Aber ich weiß nicht was ich hören soll. Ich -?“
„Lass einfach los Aaron. Bewege deine Hände und fühle was du fühlst. Vertraue dem was du fühlst, auch, wenn du es nicht erklären kannst. Das Interpretieren machen wir später. Achte auf Gegensätze: Kalt und warm, fest und weich, glatt oder klebrig. Du musst nicht wissen was es bedeutet, du musst nur spüren lernen.“
Ich wandte mich wieder der Toten zu.
Meine Hand hielt ich wieder über ihre Stirn, aber dort ließ ich sie. Ich wartete, weil ich nichts wahrnahm, bewegte ich sie über die rechte Wange, dann über die linke Wange. Ich fühlte eine gleichmäßige Kälte. Ich bewegte meine Hand über den Scheitel und hatte den Eindruck meine Hand fiele ins Leere. Ich wartete, ob sich der Eindruck vertiefte und führte meine Hand weiter in Richtung des Brustkorbs. Je mehr ich mich näherte, um so heißer wurde meine Hand, als würde ich sie in ein Kaminfeuer bewegen und nicht aufhören, bis ich sie mitten in die Flammen hielt. Über der entleerten Brusthöhle hatte ich das Gefühl, dass meine Hand, dass mein ganzer Arm in Flammen stand.
Unwillkürlich stöhnte ich, starrte auf meinen Arm, der aber unauffällig aussah.
„Geh weiter!“ Mahnte mich Meister Barral. „Rasch. Geh weiter.“
Das löste mich aus der Starre, in welche der Schmerz mich hielt. Ich kam mit meiner Hand bis zum Bauch der Leiche und die Hitze schwand. Die Hitze schwand und verwandelte sich in eine tiefe, abgrundtiefe Traurigkeit. Ich schwankte in der Hocke vor und zurück. Ich schluchzte, aber ich gab nicht auf. Ich führte meine Hand bis zu den Füßen und von dort über die Hände zurück zu den Schultern. Dann hörte ich auf.
Ich blieb in der Hocke, wie ich war.
Mochten andere es für Einbildung halten, mochte ich völligen Unsinn empfunden haben, ich war mir sicher, etwas vernommen zu haben, wie in einer fremden Sprache, die man nicht versteht, nicht übersetzen kann, aber gehört hat.
Meister Barral kniete sich neben mich.
„Das war gut Aaron, sehr gut. Lass uns sehen, was die Tote dir erzählt hat.“
04/20 PGF

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