Mord in Cutlery Hall (7)

7.

Ich saß mit Lydia in der Sonne und versuchte zu riechen, wie der Frühling duftet, versuchte zu ertragen, wie die Welt litt, unter Krieg und Seuchen und die Einsamkeit zu vergessen, die in meinem Herzen heimisch war, seit den Tagen im Waisenhaus, ehe die Akademie, mir einen neuen Weg geöffnet hatte.
Lydia saß bei mir und schwieg, als hörte sie meinen Gedanken zu. Während Meister Barral, im Keller, die Obduktion der heutigen Leiche durchführte. Mit: „Du hast genug, für heute getan“, hatte er mich in den Garten und zu seiner Nichte verabschiedet.
Es tat mir leid, dass ich nicht in der Stimmung war, mit ihr über das Frühjahr zu plaudern und bei ein paar Heiterkeiten die Sonne zu genießen. Aber, als würde mich, eine alte Narbe schmerzen, weckte diese direkte und persönliche Begegnung mit dem Tod alles, was mir im Leben Unheilvolles widerfahren war oder widerfuhr.
Wie sehr ich mich aber auch anstrengte, mich deshalb schlecht zu fühlen: Lydia gab mir keine Gelegenheit. Sie schien mein Schweigen gar nicht zu stören. Sie kümmerte sich um die Kräuter, die erste Blätter zeigten, rupfte etwas Unkraut, las Steine aus den Beeten damit sich kein Keimling den Kopf daran stieß und wirkte mit meiner Gegenwart ganz zufrieden. Das war etwas, dass ich nicht kannte. Im Waisenhaus ohnehin, aber auch in der Akademie gewann man die Gunst der Lehrer und Erzieher nicht durch Existenz, sondern durch Leistung. Wenn man nichts vorzuweisen hatte, keine Frage, keine erledigte Aufgabe, keine durchgeführte Pflicht, keine ergebnisreiche Kontemplation dann war man nicht. Dass mich jemand einfach so duldete, ja, dass er mich verstand, weil ich in einem Moment etwas fühlte, das nicht „vorzeigbar“ war, dies kannte ich nicht. Lydia schien es eher zu betrachten, als sähe sie sich in mir, als würde es ihr, nach diesem Morgen, nach diesen Bildern nicht anders gehen. Als würde auch sie sich dann, nur jemand wünschen der bei ihr war und ein offenes Ohr hatte, wenn gewünscht.
Die Sonne stand hoch am Himmel, als Meister Barral aus dem Keller kam. Er rieb sich die Arme noch mit Alkohol ein, um sie zu desinfizieren.
Er setzte sich neben mich auf die Bank, von der aus man einen schönen Blick in seinen Kräutergarten hatte. Irgendwie, wollte mir, mit ihm, das Schweigen nicht so einfach gelingen.
„Habt ihr etwas entdeckt?“
Er beendete das Einreiben seiner Arme und sah mich an.
„Ja, in der Tat. Aber erst möchte ich hören, was du empfunden hast. Denn, wenn ich dir verrate, was ich grobstofflich entdeckt habe, wirst du davon beeinflusst sein, wenn du mir schilderst, was du feinstofflich empfunden hast.“
„Wenn ich mich nicht irre.“
„Wenn du dich nicht irrst. Wovon wir aber beide ausgehen.“
Ich sah ihn herausfordernd an, ob er das ernst meinte. Aber er hielt mir nur den Spiegel vor. Also erzählte ich, wie ich es empfunden hatte:
„An der Stirn habe ich nichts gefühlt.“
„Soll ich dir dazu gleich Rückmeldung geben?“
„Wenn Sie wollen ja.“
„Das ist der Fall, wenn das Bewusstsein vollständig erloschen ist. Wesentliche Prozesse unseres Erlebens finden in einem Bereich hinter der Stirn statt.“
Es beruhigte mich, dass meine Wahrnehmung Sinn ergab.
„Dann verglich ich die linke und die rechte Wange, die waren kalt.“
„Todeszeichen, auch stimmig.“
„Als ich meine Hand über den Scheitel bewegte, geschah etwas seltsames, ich hatte das Gefühl meine Hand würde ins Leere fallen.“
„Du hast dich nicht getäuscht. Die alten, indischen Lehren sehen dort das Sahasrara, anatomisch ist dort der Corpus pineale angesiedelt. Beide stehen in Verbindung mit der kosmischen Energie, wenn die Verbindung abbricht, entsteht vorübergehend eine Art Sog, wenn die Energie sich zurückzieht.“
Ich nickte eifrige.
„Ja so war es, wie ein Sog. Dann, als ich meine Hand zum Brustkorb führte. Es war, als würde ich sie direkt in ein Feuer führen. Es war so heiß, als würde sie verbrennen.“
„Wie hohes Fieber, dass einem verzehrt?“
„Ja!“
„Eine Auswirkung der Polarisation, denn dort war nichts mehr, als Kälte und Leere, aber das Schattengold hat seine Wirkung getan.“
„Wurde es dort eingesetzt?“
„Ja, die junge Frau wurde damit getötet und ihr Herz damit entfernt.“
Ich schloss die Augen.
„Noch etwas?“ Fragte mein Meister.
„Ja, eines noch: als ich mit meiner Hand bis zum Bauch kam schwand die Hitze und verwandelte sich in eine tiefe, abgrundtiefe Traurigkeit. Es war so furchtbar, dass ich schluchzte.“
„Ja, ich hörte dich. Du hast einen weiteren Tod gespürt.“
Ich wandte mich überrascht zu Barral.
„Ihr meint?“
„Ja, sie war schwanger. Noch sehr früh, ohne das Herz der Mutter, konnte der neue Mensch nicht überleben, keine Sekunde.“
Ich starrte vor mir auf den Boden, erschüttert, was mir meine Hände alles verraten hatten. Nie hätte ich die Erklärung dazu gewusst. Noch nicht. Aber wie viel verstand man eigentlich, ohne zu wissen, dass man es verstand?
Lydia, die sich ein wenig von uns entfernt hatte, kam mit einer Handvoll Kräuter zu uns.
„Seht mal, ich habe frühen Pfefferminz und etwas Malve. Wollt ihr einen Tee?“
„Wenn es dazu ein Mittagessen gibt.“ Neckte mein Meister sie.
„Liegt schon im Wein: ein Stück Hammel und die Pastinaken brutzeln schon im Ofen.“
„Meine liebe Nichte, du bist ein Geschenk.“
„Ich weiß Onkel. Kommt! Lasst uns etwas Frohes tun.“

04/20 PGF

6 Kommentare

  1. Und wieder war das Lesen ein Genuss, der alle meine Sinne angeregt hat. Ich mag die Art, wie du Dinge, Vorgänge, Personen, Situationen und Stimmungen beschreibst, so dass sie wie ein Film in HD-Qualität vor mir ablaufen.
    Besonders heraus stach dabei: „…las Steine aus den Beeten damit sich kein Keimling den Kopf daran stieß…“
    Ich hatte gleich passende Bilder vor Augen…
    Liebe Grüße eines begeisterten Fans! 🙋‍♀️

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