Mord in Cutlery Hall (8)

8.

„Wir sollten mit dem Vater des Mädchens sprechen.“
Wir saßen mit wohlig gesättigten Bäuchen vor unseren leeren Tellern und nippten an unseren Teetassen, als ich den Satz hervorbrachte, der mich die ganze Zeit über beschäftigt hatte. Es war ein naheliegender Gedanke, ein Gedanke der weit vor dem Essen, von meinem Mund hätte formuliert werden müssen, aber ich hatte ihn nicht über die Lippen gebracht, weil der, der die Tote befundet hatte, der Familie auch die Nachricht überbringen musste.
Vielleicht hatte ich darauf gewartet, dass Meister Barral mir diese Bürde abnehmen würde, vielleicht hatte er mir einfach Zeit geben wollen, bis ich selbst so weit war. Aber im Moment, als ich den Satz aussprach nickte er und stellte seine Tasse ab.
„Gehen wir. Er verdient zu hören, was wir wissen.“
Lydia erhob sich und fing an den Tisch abzuräumen.
„Viel Kraft.“ Sagte sie und sah mich flüchtig an.
Ich stand auf, wie ein Blatt, das vom Wind gehoben wird, und folgte Barral nach draußen.
Wir verließen das Haus meines Meisters, in Richtung des Metzgers.
Cutlery Hall war ein beschaulicher Ort, in die Mitte einer weiten Ebene gebaut, die sich aus Feldern und Wiesen zusammensetzte. Der Ort bestand aus grauen Steinhäusern, die Ried gedeckt waren und aus hohen Kaminen dünne Rauchwolken in den Himmel pafften. Heizen musste, um diese Jahreszeit, niemand mehr. Aber in den Häusern brannten die Feuer, um Teewasser zu erhitzen oder das Essen für den Abend warm zu halten. Die Häuser standen, jedes einzeln, mit einem Garten und einer niederen Mauer, von den Gassen abgetrennt, von denen wir eine südliche durchliefen.
„Hat euch die Akademie nach Cutlery Hall berufen?“
Meister Barral warf mir einen flüchtigen Blick zu.
„Du meinst strafversetzt?“
„Nein, wieso sollten sie?“
„Ja, du hast recht. Was sollten daran schlimm sein, in einem tausend Seelen-Ort, seinen Dienst am Menschen zu verrichten?“
Ich zögerte. Die Bescheidenheit meines Meisters klang ironisch. Mit etwas Demut, sollte kein Prinzipal sich beschweren, egal wo man ihn einsetzte. Aber Meister Barral war in den Akademien bekannt, als ausgewiesener Fachmann der praktischen Anatomie, Physiologie und Forensik. Man hätte ihn durchaus an einem bedeutsameren Ort, wie der Hauptstadt vermuten können.
„Entschuldigt, wenn meine Frage dumm war.“
Mein Meister blieb stehen, neigte den Kopf und sah zu mir herüber.
„Nein, deine Frage war nicht dumm. Es war nett mich nach Cutlery Hall zu versetzen, zu meinem Bruder, seiner Frau und seiner bezaubernden Tochter Lydia. Es hätte mich schlimmer treffen können. Man hat dich, über mein wenig ruhmreiches Ende an der Akademie, nicht informiert.“
Ich betrachtete ihn unsicher. „Wenig ruhmreich“, passte gar nicht zu dem Bild, welches ich, von meinem Meister hatte.
„Meister ihr müsst nicht“.
„Aaron, sei sicher, ich werde nicht. Es geht dich nichts an. Aber du verdienst einen Teil der Wahrheit. Ich kam nicht freiwillig nach Cutlery Hall, sondern weil die Akademie es forderte. Ich glaubte, ein besserer Prinzipal in einem kleinen Ort zu sein, als ein Verstoßener in die Welt. Wenn ich glauben würde, etwas falsch gemacht zu haben, dann würde ich dir davon berichten. Aber ich schäme mich nicht, deshalb wäre meine Erklärung eitel. Nur so viel: Es gewinnt nicht immer die Wahrheit, merke dir das.“
Er hielt inne.
„Also am Ende gewinnt sie, aber wir werden davon nicht immer Zeuge. Wir sind verlorene Schlachten, ehe sie den Krieg gewinnt. Ich ernte nicht, was ich hoffe gesät zu haben.“
Jetzt war ich doch neugierig geworden, aber ich nahm mich zusammen.
„Immerhin ist es ein schöner Ort.“
„Und ein friedlicher.“
„Ja, ein friedlicher.“
„Wenn keine Morde geschehen.“
„Wenn keine“.
Ich sah auf und er lächelte verschmitzt.
„Komm Aaron, machen wir es wieder zu einem friedlichen Ort, in der die Luft nach Kaminfeuer, Thymian, Rosmarin und grünen Feldern duftet. Lass uns den Täter finden.“

04/20 PGF

3 Kommentare

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.