Mord in Cutlery Hall (9)

9.

Die kleine Metzgerei lag am westlichen Rand von Cutlery Hall. Ein Schild an der Tür erklärte: „Geschlossen!“ Was, um diese Uhrzeit, sicher nicht die Regel war.
„Komm!“ Meister Barral zeigte auf ein kleines Gartenstück. „Dadurch geht es zum Wohnbereich der Familie.“
Ich folgte ihm, über einen ausgetretenen Graspfad zur Rückseite des Gebäudes und hörte, noch ehe wir die Tür erreichten, aus dem Inneren schmerzvolles Schluchzen und Murmeln. Vermutlich war der Metzger zusammen mit seiner Familie, mit Verwandten und Nachbarn dabei, das Ereignis zu fassen.
Barral klopfte. Drin wurde es stumm, dann öffnete sich die Tür.
Im Rahmen stand ein großer, bärtiger Glatzkopf mit geröteten Augen und Rotzspuren im Schnurrbart. Er sah erst mich an und ich hörte schon den Satz: „Verschwinde!“. Aber er sprach ihn nicht aus, weil mein Meister ihm zuvorkam.
„Mein Beileid, McPherson. Mein Beileid, für euren Verlust.“
Die Augen des Metzgers wandten sich von mir ab.
„Prinzipal. Da seid ihr endlich. Ich warte schon seit Stunden.“
Er kam zu uns nach draußen und schloss hinter sich die Tür, als wolle er seiner Familie, das folgende Gespräch ersparen.
„Entschuldigt. Entschuldigt sehr! Aber die Akademie sandte mir einen Schüler – die Seuche fordert, dass wir schneller ausbilden – und manchmal scheint man dort zu vergessen, dass all das andere Unglück, wegen der Seuche nicht ausfällt.“
„Hat er meine Tochter?“
Ich trat vor.
„Ja, das habe ich.“
Mit war bewusst, dass mich Meister Barral, von diesem Augenblick an, nicht länger vertreten durfte, wollte ich meine Autorität nicht verlieren. In den Vorlesungen „Allgemeines zum kriminalistischen Vorgehen“, hatten wir erfahren, was beim Überbringen, einer Todesnachricht zu tun sei. Ein Punkt davon – und der vielleicht wichtigste – war: Die Hinterbliebenen benötigen Halt.
Unser Dozent hatte erklärt: „Es ist egal ob ihr euch unsicher fühlt, ob sie euch beschimpfen, ob ihr nichts erklären könnt, weil sie weinen, ob alles was ihr in dieser Vorlesung hört, sich als falsch erweist. Ihr habt eine Aufgabe: Tut was die Hinterbliebenen brauchen. Ihr müsst stabil für sie sein, während den Trauernden die Welt zerbricht.“
McPherson sah mich skeptisch an, aber mein Auftreten schien ihm für den Anfang zu genügen.
„Dann erzählt mir. Erzählt mir, was mit meiner Tochter geschehen ist.“
Ich nickte und mein Blick warnte den Mann, dass ich ihn nicht schonen würde.
„Sie wurde draußen in Sorrowwind Fields gefunden. Als wir eintrafen, war sie etwa sieben Stunden tot. Sie“.
„Woran starb sie?“
Ich schluckte. Das war nicht souverän, aber der nächste Satz war zu schwer, um ihn mit leichter Kehle zu formulieren.
„Sie wurde niedergestochen und dann hat man ihr das Herz aus dem Brustkorb entnommen.“
Der große Mann wurde bleich. Er schwankte, als hätte ihn ein harter Fausthieb an der Schläfe getroffen.
Ich fuhr fort: „Wir haben keine Spur vom Täter gefunden. Sie wurde in den Fields vermutlich nur abgelegt, denn es fehlte das Blut, das sie bei der Tat verloren haben muss. Wir nehmen an“.
McPherson sah mich an und ich spürte, dass ich das richtige tat. Ich gab ihm Halt. Das Unfassbare wurde durch meine Schilderung konkret, die Leere des Verlustes konnte ausgefüllt werden mit Hass auf den Täter, mit Fragen nach dem Motiv, mit dem Ehrgeiz den Verlust zu sühnen.
Als ich das Allgemeine geschildert hatte, machte ich eine kurze Pause. Einmal noch, einmal noch, muss ich sie erschüttern, dachte ich. Ich wartete, bis meine Pause den trauernden Vater darauf vorbereitet hatte.
„Noch etwas?“ Fragte er.
Ich nickte.
„Ja, Mister McPherson. Leider. Es wird nicht leichter für Sie. Ihre Tochter war schwanger.“
Die Augen des Metzgers wurden groß, riesig, die Augen eines Tobsüchtigen, der gleich alles zertrümmert.
„Sie war“, keuchte er, „sie war was?“
„Sie trug ein Kind unter dem Herzen. Früh noch. Aber sie wäre, im Herbst, niedergekommen.“
Er fing sich, lehnte sich mit dem Rücken an die Wand, versucht Luft zu bekommen.
„War sie jemand versprochen?“ Mischte Meister Barral sich ein.
McPherson schüttelte den Kopf.
„Nein, niemand. Aber ich weiß, sie traf sich mit dem Gesellen des Schmieds. Kein schlechter Kerl. Aber er schien mir auch nicht der Richtige.“
Er stieß sich von der Wand ab.
„Ich werde diesen Lump!“
Barral stellte sich vor ihn.
„Nein, McPherson, das wirst du nicht. Du wirst jetzt wieder nach drinnen gehen, überlegen was du davon deiner Familie erzählst. Wir machen diese Arbeit. Wir machen sie gründlich und gut. Wenn das Beil fallen soll, wird niemand außer dir es führen.“
McPherson entspannte sich. Mehr würde er nicht verlangen. In unserem Land, war die Todesstrafe lange abgeschafft, nur bei einem Vergehen wurde sie, ohne Auslass durchgeführt: beim Verlust von Kindern. Das Gericht würde entscheiden müssen, ob die Tochter des Metzgers, auf Grund ihres Alters, noch als sein Kind galt oder auf Grund der Schwangerschaft bereits als Frau.
Jetzt mussten wir den Täter aber erst mal finden.
„Mister McPherson.“ Erklärte ich. „Danke für Eure Geduld, in dieser furchtbaren Stunde. Ich werde mein Bestes geben, um den Mord an Eurer Tochter aufzuklären.“
Der Metzger nickte mir zu, knapp und warnend, nicht zu scheitern.
„Komm.“ Meister Barral zog mich am Arm. „Komm. Wir sollten dem Schmied einen Besuch abstatten.“


04/20 PGF

9 Kommentare

    1. Danke lieber Lu 🙂

      Ich hoffe durch knapp halten der Details, den schmalen Grat nicht zu überschreiten, nachdem die Leichenfledderei beginnt.

      Aber Spaß macht die Geschichte gerade 😉

      Es grüßt dich vom See
      Pe

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  1. Durchaus, sehr gut geschrieben, sehr präzise alles erfasst, das Wichtigste drin, ich fühlte mich beim Lesen fast ebenfalls getröstet von dem jungen Lernenden, der doch wusste was er zu tun hatte und es ohne mit der Wimper zu zucken auch tat.

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  2. Ich habe gerade nochmal nacheinander alle bisher von dir veröffentlichten Teile ohne Pause durchgelesen.
    Fazit:
    Ich wünsche mir mindestens noch 20 weitere so unterhaltsame Kapitel!
    ….die es aus meiner Sicht zudem wert sind, verfilmt zu werden…. 🙂

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    1. Jetzt wirfst du mich aber zwischen Druck und Ansporn hin und her 😉

      Also drei hätte ich noch, aber noch 20 …

      Verfilmen klingt cool, sehr cool, das nehme ich in meine Tagträume mit 🙂

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