Mord in Cutlery Hall (10)

10.

Wir verließen das Haus des Metzgers und machten uns auf den Weg zum Schmied, der keine drei Gassen entfernt wohnte.
Wir sahen das Haus noch nicht, als ich bereits ahnte, dass wir in der Nähe waren: Hammer auf Amboss, Hammer auf Amboss, Hammer auf Amboss, in einem unerschütterlichen Takt. Ich sah das rotglühende Eisen vor mir, welches sich, unter diesen Schlägen, in eine tödliche Waffe verwandelte.
„Wenn wir dort sind, lass mich reden.“ Barrals Ton klang scharf, als ließe er keinen Widerspruch zu. „Der Schmied ist ein seltsamer Typ. Rechne nicht mit großer Freundlichkeit. Schon gar nicht, wenn wir in einer solchen Sache zu ihm kommen.“
Nach der nächsten Häuserecke sah ich die Schmiede. Ein großer, offener Schuppen aus dem es, nach glühender Kohle roch und vor dem die Luft vor Hitze flirrte. Ich sah einen dicken, runden Kerl an einem Blasebalg stehen und mit wuchtigen Armen, den Balg niederdrücken, damit das Feuer aufloderte. Dann ging er zurück zum Amboss, schnappte den Hammer und nahm seine Arbeit wieder auf. Uns schien er nicht zu bemerken.
Erst, als wir im Eingang zur Schmiede standen, in der es kein Licht, außer der Feuerstelle gab, sah er uns.
Der Schmied ließ den Hammer sinken.
„Barral.“ Begrüßte er meinen Meister mit kaltem Blick. „Was gibt es? Brauchst du neue Instrumente, um mehr Leichen aufzuschneiden?“
Mein Meister störte sich nicht am respektlosen Ton.
Er ging einen Schritt auf den Schmied zu.
„Nein, Norfolk. Ich suche eher nach einer Erklärung, ob es an dir liegen könnte, dass ich zurzeit so viele Leichen aufschneiden muss?“
Der Angesprochene sah meinen Meister grimmig an.
„Willst du etwa andeuten?“
„Ich deute gar nichts an, Norfolk. Ich übe nur meine Pflicht und mein Recht, als Prinzipal aus. Und nach dem zweiten Mord“.
Norfolk sah irritiert aus.
„Nach dem zweiten Mord, stellen sich mir drei Fragen: Wer stellt die Tatwaffe her? In welcher Verbindung stand dein Geselle zu dem zweiten Opfer? Hast du etwas damit zu tun?“
Der Schmied warf sich auf das erste Argumente, welches er fassen und entkräften konnte.
„Dwain? Den habe ich seit drei Tagen nicht gesehen. Frage mich wo der sich rumtreibt?“
Barral wartete, wie jemand der Feuer an die Lunte gelegt hat und nun nichts mehr tun muss, außer er will den Knall doch verhindern.
„Außerdem, wie kommst du auf ihn? Wer ist das zweite Opfer? Und – und“, er warf mir einen giftigen Blick zu, „Was will der Fremde bei uns? Wer ist das überhaupt?“
„Aaron.“ Barral machte keine Pause und hielt seine Antwort auf die ihm unwichtigste Frage, so knapp wie möglich. Dann setzte er sein Verhör fort. „Du willst wirklich behaupten, du hättest von dem zweiten Opfer nichts gehört?“
Der Schmied fixierte meinen Meister drohend. „Barral unterstelle mir nichts. Ich warne dich.“
Mein Meister blieb ruhig.
„Du kannst mich nicht warnen. Aber ich darf dich gerne an deinen Satz, bei meinem letzten Besuch erinnern: „Durch dich verdiene ich doppelt, an denen die mit meinen Messern töten und an dir, die du meine Skalpelle benötigst, um sie aufzuschneiden.“ Das hast du doch gesagt?“
Der Schmied winkte ab.
„Ach das. So redet man halt.“
„Ja und das Maulwerk bringt dich in die Hölle, Norfolk. Also von deinem Gesellen weißt du nichts. Von einem weiteren Opfer gibst du vor, nichts zu wissen. Wie sieht es also aus, mit ungewöhnlichen Aufträgen in letzter Zeit. Sagen wir Waffen. Sagen wir aus Schattengold.“
Der dicke Mann kam langsam ins Schwitzen. Vielleicht auch nur, weil er nun solange beim Feuer stand.
„Schattengold, darf man doch gar nicht schmieden.“
„Man darf vieles nicht, was für die richtige Menge Gold trotzdem getan wird. Also, wie waren deine letzten Aufträge?“
Norfolk biss sich auf die wulstige Lippe und sah einen Moment aus, wie ein Kind, dass sich zwischen einer Tracht Prügel und dem Verlust eines Geheimnisses entscheiden muss.
„Ich habe kein Schattengold geschmiedet.“
„Aber?“
„Aber, jemand hat in meiner Werkstatt damit hantiert und ich nehme an, dass es Dwain war. Seit ich es entdeckt habe ist er verschwunden.“
„Sieh an. Das sieht aber nicht gut für dich aus.“
„Ich habe aber nichts getan!“ Donnerte der Schmied los. „Ich habe hier nur meine Arbeit gemacht. Aber dieser Halunke“. Er hielt inne. „Ist etwa die Tochter des Metzgers tot?“
Barral wartete.
„Ja, natürlich. Sie ist tot. Die beiden hatten etwas miteinander. Das weiß ich auch erst seit einer Woche. Seit dem habe ich mir angeguckt, was Dwain so treibt und bin auf Abrieb von Schattengold, auf meinem Amboss gestoßen.“ Norfolk klatschte sich die flache Hand auf den Kopf. „Verflucht nochmal, der hat in meiner Schmiede, die Waffe hergestellt, mit der er das Mädchen getötet hat. Barral, ich schwöre dir, ich habe nichts davon gewusst. Also, ich war nicht schnell genug. Das ist meine Schuld.“
Barral betrachtete Norfolk, wie einen Schauspieler, von dem er nicht wusste, ob er seine Rolle überzeugend darstellte.
Der Schmied spürte, dass er noch nicht in Sicherheit war.
„Ich schwöre.“ Er klang jetzt flehend.
Barral sah mich an.
„Was denkst du, Aaron. Sollen wir ihm glauben?“
Norfolk sah empört an.
„Du willst diesen Fremden“.
„Meinen begabten Schüler.“
„Diesen Schüler entscheiden lassen?“
Ich ignorierte den Schmied.
„Fast hätte ich ja gesagt.“
Ich warf Barral ein kurzes Schmunzeln zu.
„Aber diese Manieren …“
Er lächelte.
„Hörst du Norfolk, deine Manieren, bringen dich noch in die Hölle und dein Maulwerk. Aber ich glaube dir. Du wärst nicht so kleinlaut, wenn du nicht Angst hättest und die hast du nur, weil du nicht zu Unrecht verlieren willst, was du dir mit viel Mühe aufgebaut hast.“
Der Schmied sah vor sich auf den Boden.
„Wenn ich noch Fragen habe, hilfst du?“
Norfolk nickte.
„Das Schattengold?“
„Alles beseitigt. Es war nur ein Abrieb.“
Barral legte mir die Hand auf die Schulter.
„Komm Aaron. Ich denke, jetzt müssen wir uns ein paar Gedanken machen.“
04/20 PGF

4 Kommentare

  1. Mich erinnerte die Geschichte immer mehr an „Krabat“ von Otfried Preußler. Diese ist nicht so blutrünstig, aber ebenso unheimlich was die Unerbittlichkeit des Handwerks und des Aberglaubens angeht.

    Gefällt 2 Personen

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    1. Liebe Alraune, das habe ich nicht gelesen, wenn der Titel mir auch bekannt ist. Wenn ich nach „Denkanstößen“ suchen würde, dann wäre das sicher das Meister-Schüler-Verhältnis aus „Name der Rose“ und das mystische England, ganz allgemein.

      Schönen Abend.

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  2. Ja, tatsächlich sind beim Lesen vor meinem inneren Auge so Figuren wie in Filmen aus dem alten England.
    Ich habe jede Zeile genossen, sitzt und passt alles. Macht einfach Spaß zu lesen, fesselt und macht Lust auf Fortsetzung 🤗

    Gefällt 1 Person

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