Mord in Cutlery Hall (13)

13.

Es wurde hell, während wir liefen. Sonnenlicht fiel freundlich durch die hellgrünen Kronen der Buchen. Die Vögel zwitscherten vergnügt und ich konnte mir Barrals, nun düstere Stimmung, nicht erklären.
„Meister, der Eremit eben sah schon sehr alt aus.“ Bemerkte ich, um ihn etwas aus der Nachdenklichkeit zu holen.
Aber er brummt nur und machte keinen Anstalten etwas zu dem Mann sagen zu wollen. Wie liefen ein ordentliches Stück. Da wir immer nach Norden liefen, konnte ich beobachten, wie über den Laubkronen, die Sonne sich vorwärtsbewegte.
Wir erreichten ein Gebiet, indem sich der Baumbestand unmerklich veränderte. Zwar blieben es Buchen, die den Wald überwiegend bildeten, nur von wenigen Eichen und Eschen unterbrochen, aber es waren Blutbuchen und so wurde der Wald merklich dunkler und die Stimmung angespannter. Ich hatte das Gefühl, dass sich die Vögel aus diesem Gebiet zurückhielten. Außerdem wurde es kälter, obwohl die Sonne höher stand und man durch das rote Laubdach blauen Himmel entdeckte.
„Wir sind gleich da.“ Bemerkte Meister Barral nach einer, wie mir schien, undenklichen Zeit. Er zeigte auf eine mächtige Blutbuche, die ihre Krone so weit ausgebreitet hatte, dass unter ihrem Schatten nichts wuchs. Nicht mal Gras. Dafür stand eine Hütte neben dem hohen Stamm, der lange ohne Zweige blieb.
Diesmal musste sich Barral nicht bemerkbar machen. Wir waren noch gut 15 Schritt von der Hütte entfernt, als ein Mann aus dem Inneren kam, bei dessen Anblick ich sofort erschrak. Sein Alter konnte ich unmöglich schätzen. Er hatte kein Haar, aber dort wo sich eine Glatze hätte zeigen sollen, zeigte sich verzogene Kopfhaut, die, wie verschüttetes Wachs über den Schädel ausbreitete. Als wir näherkamen, sah ich, dass seine Hände nicht viel besser aussahen, aber eher verbrannt, während die Haut am Kopf nach einer schweren Verbrühung aussah. Sein Gesicht war kaum zu erkennen. Es war bedeckt, mit einer dunklen Schicht, die nach Waldboden, vermengt mit Blut aussah, dunkel und verkrustet. Als wir ihm gegenüberstanden sah ich, dass seine Nasenflügel unnatürlich geweitet waren, als wären es zwei Metallöffnungen, die mit einer groben Zange aufgebogen worden waren. Die Kleider, die er trug, waren grau vor Schmutz und löchrig. Bis auf zwei Schritt Distanz, stank er nach Urin und Schweiß. Mich gruselte und ekelte es zugleich.
„Meister Barral“, grüßte er uns, mit einer unpassend angenehmen Stimme, „was führt dich in meinen roten Hain. Und ich sehe, du hast einen Gast bei dir. Ich hörte schon von ihm, Aaron – richtig?“
Ich nickte und hatte Sorge er würde mir die Hand reichen, damit ich sie ihm schüttele. Er lächelte, als könnte er meine Gedanken lesen.
„Meine Erscheinung erschreckt dich, Aaron. Aber, dass muss sie nicht. Ich bin, wenn du so willst, ein dunkler Prinzipal. Barral, willst du erklären?“
Mein Meister wirkte, als sei er mit beidem nicht glücklich. Aber er entschied.
„Nilrem ist ein Verstoßener. Er war einst Leiter der Akademie, aber er wurde verbannt. Warum bleibt sein Geheimnis. Er entschied sich die vier dunklen Elementprüfungen zu bestehen: er wusch sich das Haar mit kochendem Wasser, er rührte mit seinen Händen in einem Bottich voll Glut, er trug ein Jahr, in seinen Nasenflügeln Metallspitzen, mit denen man Ochsen führt und bedeckt, für den Rest seines Lebens, seine Haut mit Erde und Blut. So, glaubt er, Macht über die Elemente zu erhalten.“
Nilrim lachte heiter und entblößte, strahlend weiße Zähne, in seinem dunklen Gesicht.
„So gewann ich Macht, würde ich sagen. Aber wir wollen darüber nicht streiten. Was führt euch zu mir, in meine Welt aus Blut und Gestank?“
„Wir dachten du könntest uns etwas über den Verbleib von Dwain sagen.“
Nilrem verfolgte mit listigen Augen, jede Bewegung im Gesicht meines Meisters. Er sah ihn an, wie jemand den er sehr bewundert und zugleich belächelt.
„Nach Dwain sucht ihr. Etwa wegen dem toten Mädchen? Zu tragisch. Ein verliebter Mann, ohne Mut – das ist immer der Einstieg in eine Tragödie.“
„Also weißt du etwas?“
„Ja, aber das sollten wir in meiner Hütte besprechen. Das sollten nicht mal die Krähen in den Zweigen und die Asseln in der Erde hören.“

04/20 PGF

6 Kommentare

  1. Ich weiß nicht, was ich sagen soll…..ich bin zutiefst beeindruckt! Sowohl von deinem überaus grandiosen Schreibstil, der mich nicht nur Bilder sehen, sondern auch Geräusche und Gerüche wahrnehmen lässt, so – als wäre ich dabei, als auch von der Geschichte selbst. 🙏🏻

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