Mord in Cutlery Hall (15)

15.

Nach unserer Rückkehr, verabschiedete sich Meister Barral in sein Büro. Er wolle, in den alten Büchern, noch einiges zu den Sizziling Grounds lesen. Ich solle mich vergnügen, wie es mir gefiele.
Ich dachte daran, mich im Garten auf eine der Bänke zu legen, um etwas zu schlafen. Fand dort aber Lydia, die Gewürze und Wintergemüse, welches nicht ins Kraut geschossen war, sammelte.
Ich erzählte ihr, von unserer Begegnung mit Nilrem und sie ließ mich wissen, dass sie ihn nur aus Geschichten, zu meist düsteren, kenne. Während wir sprachen, kniete sie im Beet und verrichtete ihr Tagewerk. Das Haar hatte sie zu einem Dutt hochgebunden, der ihr immer wieder verrutschte, weil ihr glattes, seidiges, dunkles Haar, sich von keinem Kamm bändigen ließ.
Als sie alles zusammen hatte, verließ sie den Garten und ging in die Küche, um das Abendessen vorzubereiten. Ich legte mich auf die Bank, auf der ich bis dahin gesessen hatte und ließ den Frühling und den Nachmittag auf mich wirken: mild und grün und freundlich und duftend. Wenn ich die Augen schloss, tauchte das Gesicht von Nilrem vor mir auf, düster und bösartig, als versuche er in meine Gedanken einzudringen. Also öffnete ich sie wieder. Irgendwann waren mir aber die Lider zu schwer und ich versank in eine dunkle Namenlosigkeit.
Als ich wach wurde saß Lydia vor der Bank auf dem Boden. Ihr Kopf war in meiner Nähe und ich konnte ihr Haar riechen. Sie wusch es mit Pfefferminz und Melisse, wie ich unschwer erkannte.
„Habe ich lange geschlafen?“
Ich richtete mich auf.
Sie wandte sich mir kurz zu.
„Lang genug, dass ich das Essen in den Ofen stellen und den Ofen anheizen konnte.“
„Meister Barral?“
„Ist noch in seinem Büro. Er grübelt sicher, über die Begegnung mit Nilrem.“
„Sie schienen sich zu kennen.“
Sie nickte, eine zarte, knappe Bewegung.
„Sie waren Freunde.“
„Tatsächlich? Nilrem sprach von einer Zeit an der Akademie.“
Lydia lehnte sich gegen die Bank und ich konnte ihren Hals leichter betrachten. Die Haut war hell und weich.
„Nein, da waren sie keine Freunde mehr. Da waren sie Kollegen. Sie waren als kleine Kinder Freunde. Sie spielten im Wald, heckten Streiche aus, studierten die Welt.“
Ich tat mir schwer, mir Nilrem als Kind vorzustellen. Aber natürlich, auch er war einst eines gewesen. Was machte nur aus, dass Menschen so übel werden konnten?
„Weißt du, warum dein Onkel die Akademie verließ?“
„Nein, nicht genau. Ich habe nur gehört, dass er Anordnungen nicht befolgte, weil er ihren Sinn in Zweifel zog. Es ging um die Besetzung eines Prinzipals. Mein Onkel riet ab, diesen Mann zu wählen. Das wurde ihm als Neid und Missgunst ausgelegt. Man setzte den Mann ein. Mein Onkel weigerte sich Anordnungen von ihm entgegen zu nehmen. Deshalb verwies man ihn auf seine Weisungsgebundenheit. Als er die missachtete wurde er nach Cutlery Hall versetzt.“
„Okay.“
„Ein Jahr später wurde der Prinzipal der Untreue überführt, aber keiner hatte den Mut, meinen Onkel zu rehabilitieren. Also lebt er hier und ist ganz froh, wenn er etwas zu tun hat. Er ist auch froh um dich Aaron! Er kann einen Schüler unterrichten, er kann einen Fall lösen, er hat mich, als Unterstützung im Haushalt: es ist ein bisschen, als hätte er Familie.“
„Hatte er die nie?“
„Doch, aber seine Frau und er blieben kinderlos. Als er, an der Akademie, sich einen Namen machte, fing sie an sich den okkulten Praktiken zu zuwenden. Irgendwann verließ sie ihn, weil sie glaubte, sein Geist sei zu beschränkt, ihrer tiefen Weisheit zu folgen.“
„Und er?“
„Ließ sie gehen. Wie man ein Kind gehen lässt, wenn es anfängt zu glauben, sich in der Welt besser auszukennen. Seitdem lebt er allein.“
„Das klingt alles ziemlich verbissen was du erzählst: er bricht mit einem Jugendfreund, er bricht mit seinen Kollegen, er bricht mit seiner Lebensgefährtin – es wirkt ziemlich arrogant.“
Lydia stand auf und setzte sich neben mich auf die Bank. Im Westen tauchte die Sonne hinter den Horizont und verschmolz mit ihm in ein goldrotes Licht.
„Mein Onkel“, Lydias Stimme klang ernst, „ist auf eine angenehme Art unbeirrbar, nicht weil er unentwegt glaubt recht zu haben, sondern weil er sich durch Erfolg und Niederlage mit der immer gleichen Demut vorwärtsbewegte. So sehe ich ihn. Ich kann mich immer auf ihn verlassen. Ich fühle mich nie von ihm eingeengt. Meine Gedanken sind absolut sicher bei ihm. Er fordert nur eines: den unerbittlichen Willen, die Wahrheit zu suchen.“
„Er scheint in seiner Wahrheit ziemlich fest geworden zu sein.“
„Das ist er. Er zahlt auch den Preis dafür.“
„Und der wäre?“
„Wenig Verständnis und viel Einsamkeit, Aaron. Hilf ihm diese Morde zu lösen, die Zeit mit dir, bedeutet ihm viel.“

04/20 PGF

9 Kommentare

  1. Die Worte heute haben mich eingelullt ihnen mit Neugier zu folgen. Sie ließen viele Bilder in mir entstehen, die sich aneinander reihten zu einem spannenden Teil dieser Geschichte. Und das Herz wurde nebenbei auch noch warm, obwohl es um Trennung und Alleinsein ging. !!!

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