Mord in Cutlery Hall (17)

17.

Wir betraten die Hölle. Zumindest den Vorhof dazu. Wenn es, für die menschliche Fantasie, eines Vorbildes bedurft hatte, um ihr Bilder der Unterwelt zu schaffen, dann waren es Orte, wie die Sizziling Fields. Längst war es Nacht geworden, während wir uns, in immer kleineren Kreisen, dem tödlichen Zentrum der Lavafelder näherten. Die Erde um uns dampfte und blubberte, wie blutige Wunden leuchtete Lava in Rissen der Erdkruste. Die Luft stank schwer nach Schwefel und Gasen, die ich nicht zu identifizieren wusste, die mir aber drückend auf der Lunge brannten, sodass ich gar nicht einatmen wollte, aber die Luft auch nicht so lange anhalten konnte.
„Binde dir den Schal vor den Mund.“ Befahl mein Meister und ich folgte sofort.
Das nahm den Gestank, das dämpfte die Giftigkeit, aber es dauerte nicht lang und auf der Innenseite meines Schals bildete sich ein dünner Film Feuchtigkeit, der mir auf der Oberlippe kitzelte.
Ich war mittlerweile überzeugt, dass wir Dwain nicht finden würden. Dass wir den Weg umsonst gegangen waren. Das Nilrem sich einen feudalen Spaß mit uns erlaubt hatte und sich nun vergnügt, am verbrühten Schädel kratzte.
Wie Dämonen kamen mir solche bitteren und gehässigen Gedanken in den Sinn. Ich wollte so gar nicht denken. Ich wollte nicht mal über Nilrem so urteilen, aber es war einfach stärker – das Dunkle war einfach stärker und nicht mal der sternenreiche Himmel über mir tröstete mich. Er wirkte dunkler als sonst, einsamer als sonst, wie eine Ablehnung alles Lebens.
Dann sah ich die Gestalt.
„Meister?“ Ich zupfte Barral am Arm. „Meister, liegt dort jemand? Liegt dort jemand auf der Seite?“
Barral folgte meinem Blick und sah den Liegenden ebenfalls. Es sah aus, als habe sich der Mensch dort, zugedeckt und zum Schlafen gelegt, in mitten dieser Hölle.
Ich drängte vorwärts, aber Barral hielt mich zurück.
„Langsam Aaron, wir wissen nicht, wer das ist. Wer sich so nah, dem Zentrum der Fields zum Schlafen legt könnte auch“.
„… ein Wiedergänger sein.“ Vollendete ich den Satz.
Wir näherten uns leise – schleichend, immer auf der Hut, vor einer ersten Bewegung. Aber die Gestalt am Boden blieb, wie sie war, als wäre sie einer der Skulpturen aus Pompeji.
Als wir knapp hinter dem Rücken waren, wandte sich Barral zum Kopf und ich zu den Füßen, sodass wir den Schlafenden langsam umkreisen konnten.
Aber er schlief nicht. Ich sah es zuerst. Er schlief nicht. Der Bauch war ihm aufgeschlitzt und wie Socken aus einer überladenen Schublade, hingen ihm die Eingeweide aus dem Bauchraum.
Mir drehte sich der Magen. Mein Verstand wollte gegen diesen Anblick protestieren, der mir nicht nur bestialisch, sondern auch dumm erschien. Warum hatte der Mörder, den Leichnam nicht einfach ein Stück weitergeschleppt und in der Lava verschwinden lassen? Und wer war der Tote?
Meister Barral erkannte ihn sofort.
Es war Dwain. Er kannte ihn von seinen Aufträgen beim Schmied, wenn er neue Instrumente für die Obduktion benötigte.
Während ich mit meiner Übelkeit zu kämpfen hatte, kniete sich Meister Barral zu dem Toten, streckte seine Hand aus und begann das Erspüren. Ich hatte Mühe zu zusehen.
Über der Bauchwunde verharrte die Hand meines Meisters.
Er sah zu mir herüber.
„Ihm fehlt der Magen.“ Erklärte er mir.
„Und das bedeutet?“
„Wir haben drei Tote: Einem wurde das Gehirn zerstört, einer das Herz genommen und einem der Magen. Diesen drei Menschen, Aaron, wurde genommen was unser Denken und Fühlen ausmacht. Etwas Aaron, hat sie um ihre Menschlichkeit gebracht.“
„Aber wozu, Meister?“
„Das kann uns nur Nilrem erklären.“

04/20 PGF

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