Mord in Cutlery Hall (18)

18.

Die Nacht schliefen wir, in einem der äußeren Ringe der Sizziling Fields. Gerade dort, wohin wir noch Kraft hatten, zu laufen. Dwain hatten wir in eine der Lavaspalten geschoben. Ich fand das erst unmöglich, aber Meister Barral klärte mich auf, dass Dwain keine Angehörigen besaß und in den Fields beigesetzt zu werden, der Wunsch jedes Schmieds, für seine letzte Ruhestätte war.
Sobald wir am Morgen wach waren, machten wir uns auf den Weg. Beim nächsten Hof, den wir erreichten, bestand Barral darauf, dass wir uns Pferde für den Rückweg liehen. Ich war dagegen, auch, weil ich nicht gut reiten konnte, aber mein Meister bestand darauf.
„Aaron, wir dürfen keine Zeit verlieren. Ich weiß nicht, was Nilrem plant.“
„Wenn er schuldig ist.“
„Wenn er es ist.“
„Und was könnte er schon tun?“
Ich versuchte meine Chance zu nutzen, während der Bauer zwei Pferde aus dem Stall holte, um den Rückweg auf Pferden zu verhindern.
„Wenn er es war, kann er sehr viel tun. Er hat durch die Toten drei Substrate gewonnen: Leidenschaft, Eifersucht, Zuneigung. Damit kann er die Insignien aus Schattengold beseelen.“
„Wie meint ihr das?“
„Die Leidenschaft belebt die Waffe aus Schattengold, die Eifersucht das Instrument, welches Dwain ihm geschmiedet hat und mit der Zuneigung beseelt er den Schlüssel.“
„Ihr wollt mir sagen: dunkle Magie existiert?“
„Existiert das Feuer?“
„Ja, aber“.
„Kein aber Aaron, als die ersten Menschen es beherrschen lernten waren sie sicher, für die anderen wie Magier. Sie konnten mit dieser Macht ganze Dörfer niederbrennen. Der erste Pfeil, das erste Schwert, der erste kluge Gedanke, der einen anderen eingeschüchtert hat, das alles war am Anfang, wie Magie. Normalität wurde es erst für uns.“
„Ja, aber das ist doch etwas anderes. Es gehorcht den Naturgesetzen.“
„Wissen wir, ob das, dunkle Magie, nicht ebenfalls tut? Was wäre, wenn wir Stimmen oder Bilder, über tausende von Meilen versenden könnten?“
„Das ist aber übertrieben Meister?“
„Wirklich? Hast du schon mal Nordlichter gesehen?“
Ich nickte.
„Was ist das für ein Feld, das sie einfärben?“
„Die Luft.“
Meister Barral schüttelte energisch den Kopf.
„Doch nicht die Luft, Aaron! Warum funktioniert ein Kompass? Weil die Erde ein Magnetfeld besitzt. Was, wenn wir lernen es zu beherrschen und Bilder darüber zu versenden, so wie irgendeine kosmische Kraft, Farben darüber versendet?“
Er sah mich ernst an.
„Die Welt ist magisch. Banal ist nur der beschränkte Verstand, der die Wunder nicht sieht, die Fragen nicht stellt, sich am Zauber nicht erfreut. So, wie die Nacht ein Teil dieser Welt ist, ist auch die dunkle Magie ein Teil davon. Nilrem beschäftigt sich lange genug damit, um sie zu beherrschen.“
„Ihr denkt also, er hat die Morde begangen, um diese Essenzen zu gewinnen? Was kann er mit den Gegenständen aus Schattengold erreichen?“
„Mit dem Schlüssel kann er ein Tor zu den Wiedergängern öffnen. Mit der Waffe einen von ihnen besiegen, mit dem Instrument ihm das Geheimnis des ewigen Lebens entlocken, so wie ich den Leichen das Geheimnis ihres Sterbens entlocke.“
„Aber wie soll das gehen?“
„Aaron, welche Prinzipien lernt ihr an der Akademie?“
Ich stockte, unsicher, ob ich die Frage richtig verstand.
„Das des Trennens und das des Verbindens. Leben entsteht durch Verbindung, der Tod ist die finale Form der Trennung.“
„Und wie ist die Welt aufgebaut?“
„Alles ist von beiden Prinzipien durchdrungen.“
„Und wer kann es ergründen?“
„Derjenige der den Sinn versteht. Der versteht, weshalb die Dinge sich verbinden und weshalb sie sich lösen. Aber Nilrem?“
„Findet den Sinn nicht, deshalb muss er töten und zerstören, muss sich quälen und kasteien, weil er daran verzweifelt, dass am Ende alles zerfällt, ohne dass er den Sinn versteht. Seine Sehnsucht, zu verstehen, hat ihn jede Grenze überschreiten lassen.“
Mich schauderte.
Ich erschrak vor dem Gedanken, den ich, ohne es zu wollen, in mir fand: War ich nicht zu Gleichem fähig? Verstand ich den Sinn? Ich fühlte mit einem Mal allen Schmerz über die, die ich liebte und verlor, über Orte die kamen und vergingen, Stunden voller Lachen, die nicht bleiben konnten. Die Akademie, Meister Barral, Lydia, ich kam mit allem zusammen und würde alles unweigerlich verlieren. Der Schmerz füllte mein ganzes Denken aus, unerträglich, unerträglich!
Der Blick meines Meisters ruhte auf mir, ich spürte ihn, wie einen Strahl Sonnenlicht, ganz früh am Morgen.
Er kannte den Sinn, er wusste um die Prinzipien, er wusste um den Schmerz und noch viel schwerer, er wusste, dass er niemand den Sinn würde lehren können. Jeder musste ihn selbst finden, um sich mit den Prinzipien zu versöhnen.
„Ich“, begann ich hilflos.
Meister Barral legte mir seine Hand auf die Schulter und es schien, als würde das eine Kraft auf mich übertragen, die ich nicht erklären konnte.
„Du suchst noch, schäme dich nicht, dass dich die Ahnungen erschrecken, was noch vor dir liegt.“
Der Bauer kam. Er führte zwei alte Gäule mit sich, die uns vermutlich nur widerwillig nach Cutlery Hall bringen würden. Aber darauf kam es nicht an, mich beschäftigte anderes, als mein Unwille gegen das Reiten.
„So Meister Barral, hier wären zwei meiner Pferde. Nicht die jüngsten, aber sie sind verlässlich.“
„Danke dir, Bauer Tuck. Sie kommen mit einem Beutel Silber zu dir zurück.“
Meister Barral übernahm die Führung der Pferde.
Kurz darauf ritten wir nach Cutlery zurück.

04/20 PGF

5 Kommentare

  1. „Ich versuchte meine Chance zu nutzen, während der Bauer zwei Pferde aus dem Stall holte, um den Rückweg auf Pferden zu verhindern.“
    Verhindern? Das erschließt sich mir nicht….
    Ansonsten bin ich weiterhin süchtig…. 🙂

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  2. Schwere Kost, tiefe Kost… Ich bin beim Lesen fast so gespalten wie der Ich-Erzähler bzw. ich spüre sein inneres Zerwürfnis sehr deutlich und hoffe, er findet Erlösung, zu seiner Zeit.

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