Mord in Cutlery Hall (19)

19.

Ein düsteres, ein apokalyptisches Gewitter hing über Cutlery Hall, als wir uns an diesem Nachmittag dem Ort zu Pferd näherten. Ein Gewitter, wie es alte Legenden ankündigen, ehe die Welt in Fluten versinkt, ehe ein Held stirbt oder ans Kreuz geschlagen wird, ehe ein gewaltiger Blitz alle Hütten in Flammen stellt. Blitze sahen wir kaum, dafür war es noch zu hell, auch, wenn sie gleißend genug waren, damit man sie aus den dunklen Wolkenbergen herausschießen sah. Aber der Himmel war erfüllt mit einem Grollen, als wäre ein Vater dabei sein totes Kind zu rächen oder ein Freund den gefallenen Freund.
Die Pferde scheuten, je näher wir dem Ort kamen, aber wir trieben sie vorwärts, weil der Regen nun vom Himmel peitschte, als wolle er uns überfluten. Der Wind wechselte ständig die Seiten, als wolle er die Gewitterwolken exakt über Cutlery halten, als wäre alles vorbereitet, damit ein Blitz ein furchtbares Geschöpf zum Leben erwecken konnte.
„Was ist das, Meister?“ Fragte ich in den stürmischen Wind hinein. „Ist das, dunkle Magie?“
Er schüttelte den Kopf und von seiner Kapuze flogen Tropfen in alle Richtungen.
„Rede nicht so viel, Aaron. Rede nicht so viel.“
Wir erreichten die Außenbezirke des Dorfes und sahen keinen der Bewohner. Im besten Fall hatten sie sich, vor dem Unwetter in ihre Hütten geflüchtet, im schlechtesten Fall, waren sie alle schon tot, weil Nilrem etwas erweckt hatte, was nun sein Unwesen trieb.
Wir stiegen von den Pferden, banden sie am nächsten Baum an und gingen zu Fuß weiter. Es blieb menschenleer.
Ich dachte an Lydia und geriet sofort in Sorge um sie. Was, wenn Nilrem sie geschnappt und mit sich genommen hatte? Was, wenn sie tot war. Der Gedanke schlug mir auf den Magen.
„Meister, eure Nichte.“
„Die weiß sich zu verteidigen. Mach dir keine Sorgen.“
Ich sah Barral an, dass er das selbst zu glauben versuchte, während wir weiterliefen.
Wir kamen am Dorfbrunnen vorbei. Er war leergefegt. Dort wo immer, zumindest eines der alten Weiber beim Waschen war, war niemand. Nicht mal hastig liegen gelassene Wäsche lag am Brunnenrand.
Endlich waren wir in der Nähe von Barrals Haus. Ich machte mich auf alles gefasst: auf ein brennendes Haus, auf eine übel zugerichtete Leiche von Lydia, auf Pentagramme, die auf das Haus meines Meisters mit Asche und Kohle geschmiert waren.
Aber das Häuschen stand da, wie es immer dastand. Etwas trübe vielleicht vor dem grauen Himmel. Der Kräutergarten strahlte schöner, wenn Sonne auf ihn fiel, aber es war nichts beschädigt und nicht mal der Schornstein spuckte Rauch, in die grauen Wolken.
Wir öffneten die Gartentür und eilten zum Eingang. Die Tür, zum Haus meines Meisters, stand einen Spalt offen.
Barral schob sie auf.
„Lydia?“ Rief er hinein, während er sie ganz öffnete. „Lydia? Bist du da?“
Wir traten ein und Stille umfing uns. Die Wände und das Dach dämpften den Regen und den Donner, als würde man uns eine Glocke auf den Kopf setzen.
Wir gingen zur Küche, auch dort war sie nicht. Es war keine Spur von ihr zu finden. Das ganze Haus war leer.
Wir beendeten unsere Suche, in der Küche, von der aus, wir sie gestartet hatte.
„Hast du etwas gefunden?“
„Nein, nichts! Wir sollten draußen nach ihr suchen.“
„Das werden wir. Aber erst sollten wir trockene Kleidung anziehen und uns rüsten, ehe wir zu Nilrem gehen.“
„Ihr denkt sie ist dort?“
Er sah mich mahnend an.
„Das ist jetzt nicht entscheidend. Das wir Nilrem stoppen, das allein zählt.“

04/20 PGF

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