Mord in Cutlery Hall (20)

20.

Wir blieben, auch in unseren neuen Kleidern, nicht lange trocken. Das Unwetter nahm zu, der Regen wurde stärker, der Sturm unberechenbarer. Während wir liefen packte, mich eine Böe und für einen Moment hatte ich das Gefühl, sie hebe mich hoch und trüge mich davon. Es war nur ein Moment, aber er reichte aus, mir klar zu machen, dass die Elemente auf Aufruhr geraten waren.
Als wir den Buchenwald erreichten, empfing uns ein finsteres Rauschen in den Laubkronen. Dieser Wald erinnerte nicht mehr an den hellen, freundlichen Ort, den ich vor Kurzem besucht hatte. Es waren die gleichen Bäume, das gleiche helle Laub, aber, wie jemand Fröhliches den ein Unglück trifft, schien dieser schöne Ort seines Friedens beraubt.
Meister Barral ging mit großen Schritten vor mir her. Er wäre gerannt, wenn ihn Alter und lang geprägte Würde nicht davon abgehalten hätten.
Wir erreichten die Grenze zum Blutbuchenhain und ich hatte das Gefühl vor mir läge das Land der Dämonen. Die Blätter der Bäume waren grau geworden. Als hätte ein Vampir gierig alles Blut aus ihnen gesogen und nur Asche zurückgelassen, tote, graue Asche. Tatsächlich zerfielen die Blätter zu Staub, wenn wir im vorübergehen eines berührten, wie Mottenflügel, die nicht den geringsten Druck überstehen.
Wir waren nun nicht mehr weit entfernt von der großen Blutbuche, in deren Nähe Nilrems Hütte stand. Der Regen ließ plötzlich nach und auch der Sturm. Mir war nicht, als näherten wir uns der Gefahr, sondern als kämen wir der Rettung mit jedem Schritt näher. Vielleicht irrten wir uns? Vielleicht war Nilrem kein dunkler Zauberer, sondern einfach ein mutiger Mensch, welcher der Wahrheit keine Grenzen setzt.
Als wir die Lichtung erreichten, traute ich meinen Augen kaum. Der Baum an Nilrems Hütte leuchtete in einem tiefen, kräftigen Rot, als hätte er alle Farbe aus den anderen Bäumen an sich gezogen. Es war still im Hain. Ein Schwarm Krähen jagte durch die Äste und ich konnte sehen, dass der ganze Boden mit Käfern übersät war, als wären sie von einer fremden Kraft beauftragt den Waldboden Millimeter für Millimeter zu reinigen. Ekelte packte mich. Ich fürchtete hunderte von ihnen zu zertreten, ehe wir die Hütte von Nilrem erreichten.
Meister Barral störte sich nicht daran. Die Käfer schien das zu spüren, sie stoben nach links und rechts weg, ehe der Fuß meines Meisters sie zertreten konnte. Sie flohen wie Tiere vor dem Feuer.
Wir kamen nicht bis zur Hütte, ehe Nilrem daraus hervortrat. Er sah uns grimmig entgegen und lachte, als er fragte:
„Habt ihr Dwain entdeckt?“
„Natürlich haben wir das.“ Entgegnete Meister Barral. „Du hättest ihn schon in die Lavafelder werfen müssen, um das zu verhindern. Aber du wolltest das nicht. Du wolltest nur Zeit gewinnen.“
Nilrem lachte wieder und hob warnend die Hände.
„Nie zu überlisten, der gute Barral.“ Spottete er und zeigte auf seinen Schädel. Erst jetzt sah ich, dass ein Stück Metall daraus hervorragte. Ein kurzer, dunkler, glänzender Stab, aus Schattengold, wie ich annahm. „Die Zeit war trotzdem ausreichend, um die Grenze zu überschreiten.“
Barral blieb stehen. Er starrte schockiert auf das Stück Metall in Nilrems Schädel.
„Das hast du nicht vor!“
„Doch natürlich. Ich werde den Mikrokosmos und den Makrokosmos verbinden und zu den endgültigen Wahrheiten gelangen. Wenn die Atmosphäre genug aufgeheizt ist, wird sie sich hier, in mir entladen und dann werden die Energie des Himmels und die meines Gehirns in einem gewaltigen Blitz verschmelzen. Mein Bewusstsein und, dass der Welt werden zu einem werden.“
Barral machte einen Schritt vorwärts.
„Gib vorher Lydia frei.“
Nilrem verzog amüsiert das Gesicht.
„Lydia. Ich weiß nicht, wo von du redest.“
„Du hast sie entführt.“
„Warum sollte ich das?“
„Das weiß ich nicht, aber du magst Spiele und vielleicht gehört sie dazu.“
Nilrem schüttelte enttäuscht den Kopf.
„Nein, aber sie wäre praktisch gewesen, das stimmt. Ich habe keine Ahnung wo sie ist. Aber ihr, ihr seid nun meine Gäste, die ich nicht wieder gehen lassen kann.“
Nilrem hob die Hand und im gleichen Moment brach ein ringförmiges Feuer, um den ganzen Hain aus. Mein Meister stürmte nach vorne, vermutlich, weil er Nilrem stoppen wollte, noch mehr Zerstörung zu entfachen. Aber der hatte diese Gefahr vorhergesehen und ehe Meister Barral ihn erreichte, trat er in eine Falle die im Laub versteckt am Boden lag und ihm den Fuß in zwei furchtbare Metallspangen klemmte. Er stockte und schrie vor Schmerz. Ich eilte zu ihm, um ihm zu helfen. Gab aber acht, damit mir nicht das gleiche Schicksal drohte.
„Wie liebenswert, der Schüler eilt zu seinem Meister. Aber Aaron, was ist das schon für ein Meister, der wie ein Tollpatsch vorstürmt. Schließe dich mir an, um die wahren Künste zu erlernen.“
Ich warf Nilrem einen finsteren Blick zu, bückte mich und versuchte die Falle zu öffnen, aber nicht nur, dass zwei gewaltige Federn sie schlossen, ich sah, dass sie mit etwas bestrichen waren, was sich langsam mit dem Blut vermischte, welches dort aus dem Bein meines Meister trat, wo sie es einklemmten.
„Alraune und Tollkirsche und Eibenkerne“, erklärte Nilrem der an meinem Blick erkannte was ich sah. „Er wird gut schlafen und sehr lang.“
Meister Barral zog mich hoch.
„Achte nicht auf mich, halte ihn auf! Sei auf der Hut vor weiteren Fallen.“
Mein Meister ging in die Knie. Ich sah, dass er das Bewusstsein verlor.
„Meister“, rief ich, „Meister!“
Aber er hörte mich nicht mehr. Ich stand Nilrem allein gegenüber.

05/20 PGF

5 Kommentare

  1. Oh ja, Spannung pur! Wow… Fast möchte ich sagen: Atemberaubend, was da gerade abgeht. Der arme Schüler, wie er sich wohl wird schlagen können in diesem Gebräu aus Magie und dunklen Mächten?

    Einen schönen Samstag dir, lieber Peter!

    Gefällt 1 Person

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