Mord in Cutlery Hall (21)

21.

Die Stille im roten Hain brach ab, als hätte das Unwetter nur auf ein Zeichen gewartet, um sich über der Blutbuche zu sammeln. Sollte Nilrem tatsächlich so mächtig sein, selbst den Himmel bestimmen zu können.
Lächelnd sah er zu mir herüber, während ich neben meinem Meister kniete, wie ein Held neben seiner zerbrochenen, magischen Waffe.
„Komm zu mir Aaron, du hast noch nichts Falsches gemacht. Jeder Adept der Akademie wäre stolz zu Barral aufzusehen. Jeder Adept, denn ihr wisst noch nichts vom Leben. Ihr seid noch wie Wachs, in das sie ihre Stempel drücken. Weißt du Aaron, wie Schicksal entsteht?“
Ich schüttelte den Kopf und sah beschämt vor mich auf den Boden.
„Durch alles was du siehst, hörst, schmeckst, fühlst, riechst und es ist ganz gleich, ob du es willst oder verachtest. Mich zum Beispiel: du wirst mich nie mehr los. Ob du dich mir anschließt oder mich zu bekämpfen wagst. Alle kommenden Entscheidungen wirst du treffen, um mich zu vollenden oder aus der Welt zu löschen. Aber damit, Schüler der Akademie, bestimme ich dein Schicksal in jedem Fall. Und das Gleiche geschieht dir mit Barral und mit Dwain und dem Metzgermädchen und dem Bauernjungen. Für oder gegen, für oder gegen, für oder gegen, so wirst du hin und her geschoben, als Spielball des Schicksals. Vielleicht wird irgendwann etwas kommen, dass dich tiefer beeindruckt, als ich. Dann wirst du, dagegen oder dafür leben. Vielleicht verliebst du dich irgendwann und tust alles für deine Frau und dann wird dir ein Kind geboren, welches irgendetwas von mir in sich trägt und dann wirst du mich in ihm ablehnen und es wird dein Schicksal sein, dich mit deinem Kind zu entzweien. So kann es kommen. Verstehst du?“
Ich nickte, die Augen voller Tränen, Tränen der Wut und der Verzweiflung, weil ich wusste, dass er recht hatte. So fühlte sich mein Leben, mein Schicksal an: wie nichts eigenes, wie ein Gebräu aus unterschiedlichen Geschmäckern, ein Bild aus wild zusammen gerührten Farben, in dem nicht mal ich einen Sinn zu sehen vermochte.
„Das ist bitter. Ist es nicht so?“
Über uns entlud sich ein gewaltiger Donner, auf den ein mächtiger Blitz folgte. Regen setzte ein, wie eine Sintflut und löschte die Feuer, die Nilrem entfacht hatte.
Ich quälte mich zum Aufstehen.
„Es ging nie um einen Schlüssel oder ein Instrument oder eine Waffe aus Dunkelgold, das war alles nur Ablenkung, es ging immer nur, um diesen Stab aus Dunkelgold in ihrem Schädel. Alles andere war Ablenkung.“
„Ganz genau, ein Stab, der die elektrischen Impulse meines Gehirns, mit denen des Himmels vereint.“
„Das wird sie töten. Ich habe Bäume gesehen, die vom Blitz getroffen wurden. Es wird sie töten und das wird gut so sein.“
Ich ging zwei Schritt auf Nilrem zu. Er kam mir zwei entgegen.
„Du wagst dich viel Aaron. Sehr viel. Hätte nicht gedacht, dass du so ein Hitzkopf bist und mir den Tod wünscht. Aber der wird mich nicht ereilen. Woher kommst du Aaron?“
Ich wollte kurz: „Aus der Akademie“, antworten, aber danach fragte er nicht. „Aus dem Leib meiner Mutter.“
„Wie ein Same.“
„Wie ein Same.“
„Der einen ganzen Baum enthält, der sich aus dem Nichts entfaltet.“
„Aus Gott.“
„Sagen wir lieber: aus Geist. Aus dem Wissen, wie er zu werden hat. Die Sterne und Planeten sind banal und unerreichbar für uns, aber woraus entwächst was wir sind?“
Ich gab mich unbeeindruckt, aber Nilrems Sätze ließen mich schwindlig werden.
„Wird dir schwindlig, Aaron? Die Kräfte, die das Kleinste zusammenhalten sind viel größer und undurchdringlicher, als das, was die Planeten zusammenhält. Wer weiß, vielleicht bricht ja der Himmel zusammen, wenn er den Blitz aus meinem Geist in sich aufnehmen muss.“
„Sie sind wahnsinnig!“
Ein nächstes Donnergrollen, dann ein gewaltiger, furchtbarer Blitz, der mir kurz die Sicht nahm und mit einem grässlichen Krachen in meiner Nähe einschlug. Ich war einen Moment, wie betäubt, als ich wieder etwas sehen konnte, stand Nilrem unversehrt vor mir, aber seine Hütte und die Blutbuche daneben stand in hellen Flammen.
Nilrem war keinen Schritt mehr von mir entfernt.
„Komm Aaron, ich will dich umarmen, wenn der nächste Blitz zu uns herabsteigt.“

05/20 PGF

3 Kommentare

  1. Puh, die Spannung bleibt erhalten… Dazu kommen Aussagen, die Widerspruch in mir erregen. Aber ich folge dem Strang und schaue mir an, was daraus wird… Eine erzählte Geschichte ist kein Wunschkonzert 😉 Ihr auch zu folgen, wenn etwas vom eigenen Inneren abweicht, kann die Sicht erweitern. Ich bleibe gespannt 🙂

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