Mord in Cutlery Hall (22)

22.

Nilrem versuchte mich zu packen. Ich konnte seiner Hand ausweichen, war aber nicht schnell genug auch der zweiten zu entkommen, die meinen Oberarm, wie ein Schlangenbiss packte. Ich war ein dürrer, hagerer Knabe, Nilrem ein schlanker Mann in den besten Jahren. Vielleicht hätte ich mich, an Körperkraft, mit ihm messen können, aber er war zäher, als ich, seine Blicke schüchterten mich ein und während ich von Siegen noch nicht viel wusste, erinnerte Nilrem jede Krise, aus der er sich herausgewunden hatte.
Er zerrte mich zu sich heran. Der Himmel grollte dunkel über uns. Seine Finger bohrten sich in das Fleisch meines Oberarmes und schienen ganz genau zu wissen, wo die Nerven verliefen, die er abdrücken musste, um meine Hand taub werden zu lassen.
„Wenn es blitzt, Junge, muss man zusammenrücken, dicht zusammenrücken.“
Ich ballte meine Faust, mit aller Kraft, mit der unbändigen Wut die ich wegen meinem vergifteten Meister, der verschwundenen Lydia empfand und schlug zu.
Ich schrie: „Mein Schicksal? Mein Schicksal!“ und traf krachend seine Unterlippe.
Es war meine linke, meine schwächere Hand, Nilrems Haut war geschützt von dem Gemisch aus Blut und Erde, mit dem er es bedeckte, aber ich traf ihn glücklich. Unter den Knöcheln meiner Faust, gab die Haut seiner Lippe nach und platzte, wie eine Made, wenn man darauf tritt.
Nilrems verbrannte Hände fassten meinen Arm noch fester. Er griff mit seiner freien Hand zu seinem Mund und berührte ein Schwall Blut der daraus floss.
Ich holte aus, um ein zweites Mal zu zuschlagen. Aber so weit kam ich nicht. Nilrem stieß mich von sich.
„Das wirst du bezahlen.“ Knurrte er.
Sein Stoß war so heftig, dass ich das Gleichgewicht verlor. Ich fiel zurück, fiel hart auf den Rücken, kämpfte darum, meinen Angreifer nicht aus den Augen zu verlieren.
Der wischte sich das Blut vom Mund.
„So“, höhnte ich, „jetzt habe mein Schicksal bestimmt. Vielleicht bleibt mir nie mehr, als Ja oder Nein zu sagen. Aber zu was ich Ja sage und zu was ich Nein sage, das bestimme ich. Du hast keine Macht, die einzige Macht, die du besitzt, ist die Angst. Aber ich fürchte dich nicht! Ich fürchte dich nicht!“
Nilrem kam näher. Aus einer Tasche zog er ein kurzes Messer. Ich sah, dass es aus Dunkelgold war.
„Dir werde ich mehr, als das Herz aus dem Leib schneiden.“
Ich versuchte auf dem Rücken rückwärts zu krabbeln, wagte mich aber nicht sehr weit, weil ich Angst vor einer Falle hatte, wie sie meinen Meister getroffen hatte.
Nilrem fasste mit seiner zweiten Hand in die Tasche und ehe ich mich versah, warf er in einem weiten Bogen, etwas über mich.
Ich versuchte meinen Arm schützend über das Gesicht zu halten. Aber der Staub war zu fein, er kam mir in Augen und Nase und begann augenblicklich fürchterlich zu brennen. Es war mir unmöglich die Augen offen zu halten.
Über mir kam Nilrem näher. Über uns sammelten sich die Wolken zu einem letzten, mächtigen Blitz.
„Mach dich bereit Aaron, auf das Messer in deiner Brust.“
Ich schlug mit meinen Armen abwehrend um mich. Aber ich sah nicht wohin ich schlagen musste und ehe ich meinen Angreifer traf, trat der mir mit voller Wucht in den Unterleib, sodass ich, um Luft ringend zusammenbrach.
Ich fiel auf die Seite.
Nilrem war hinter mir. Er packte meine Haare am Hinterkopf und riss ihn nach hinten. Ich roch seinen fürchterlichen Schweiß, ein Gemisch aus Schmutz und Elend. Ich wartete auf das Metall an meiner Kehle.
Als ein feines Surren, an meinem Ohr vorbei rauschte und in einem dumpfen Aufprall hinter mir endete.
Der Griff in meinen Haaren löste sich. Mein Kopf kam frei. Ich nutzte die Chance, ein Stück nach vorne zu springen. Ich wartete auf Nilrems Hand, die mich packte. Aber es war, als habe man ihn weggezauberte.
Über mir sagte jemand: „Nicht weiter! Da ist eine Falle.“
Ich glaubte Lydias Stimme zu erkennen.
Ich rieb mir über die Augen und zwang mich sie zu öffnen. Tatsächlich, sie war es. Einen Bogen über der Schulter, mit hellwachem Blick, als versuche sie zu erkennen, ob Nilrem noch lebte.
Ich folgte ihrem Blick. Der Dunkelmagier lag zuckend auf dem Rücken und dort wo seine Augen waren ragte ein Pfeil in den Himmel.
„Lebt er noch?“
Ich rappelte mich hoch.
Aber ich saß noch nicht, als ein gewaltiger Blitz vom Himmel herabschoss und sich als Ziel genau Lydias Pfeil suchte.
Als würde Butter zu lange in der Pfanne gebraten, begann Nilrems Leib zu brutzeln und kochen. Der Pfeil hatte sich augenblicklich in Asche aufgelöst.
Fassungslos sah ich nach Lydia, die Nilrems Ende grimmig verfolgte.
„Er“, versuchte ich eine Erklärung zu stammeln.
„Er ist jetzt egal. Ich muss nach meinem Onkel sehen.“

05/20 PGF

9 Kommentare

    1. Im Grund meines Herzens, bin ich Happy-End-Fan.

      Ich muss das Tempo ja auch ein bisschen anziehen, die Vorbereitungen zur geplanten Veröffentlichung laufen und die angedachte Korrektorin ist noch gar nicht gefragt, ob sie aktuell Zeit hat 😉

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      1. Jetzt hab ich beim nochmaligen Lesen erst den korrekten Zusammenhang verstanden. Du meintest, du musstest das Tempo DIESER Geschichte hier anziehen, weil die Vorbereitungen zur Veröffentlichung des anderen laufen und du nicht beides nebeneinander her machen kannst.
        Zunächst hatte ich gedacht, du sprichst beim Tempo anziehen von der A.-Sache, dass du da das Tempo anziehen musst und die Korrektorin noch gar nicht gefragt hast. Drum hab ich so geantwortet 🙃

        Langer Rede, kurzer Sinn: Viel Freude neben den Terminfragen für die letzten Schritte zur Veröffentlichung dort und viel Glück für eine hervorragende Platzierung.

        Dir auch einen schönen Abend, Peter! 🙂

        Gefällt 1 Person

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