Mord in Cutlery Hall (23)

23.

Mein Gepäck stand bereit für die Kutsche. Wir Adepten der Akademie reisten immer mit einem großen, grauen Rucksack, der gut zu unseren grauen Roben passte. Ich ging auf den Sack zu, prüfte kurz die Länge der Lederriemen und wuchtete ihn hoch auf meine Schulter.
Die Zeit ist wie ein Vogel, dachte ich, manchmal landet sie, manchmal macht sie Pause, aber eigentlich will sie immer fliegen, fliegen, fliegen.
Es war Zeit Abschied zu nehmen, von der kleinen Stube, die mir Meister Barral zur Verfügung gestellt hatte. Es würde ein schöner und schmerzlicher Abschied von Lydia werden, der ich mein Leben zu verdanken hatte und jene ersten zarten Eindrücke der Liebe und des Geliebtwerdens. Jenes hauchzarte: Wir sind miteinander verbunden, welches sich in Blicken trifft. Nicht immer führte das dazu, dass man zusammenblieb. Manchmal musste man sich nochmal trennen, manchmal musste man sich für immer trennen und manchmal wurde im Rückblick klar, dass es nur der Duft des Frühlingsgrases und der Fliederbüsche war, der die Illusion von einer Seele in zwei Körpern erzeugt hatte.
Ich holte Luft und trat hinaus in den Flur, lief die Treppen hinab, vorbei an der Küche, die noch von unseren Gesprächen, dem guten Essen und unserem Lachen erfüllt zu sein schien und trat hinaus in den Garten.
Dort saß Meister Barral im warmen Sonnenlicht und erholte sich langsam von den Giften, die Nilrem ihm, mit seiner Falle beigefügt hatte. Neben ihm, auf einem niederen Mäuerchen, welches eines der Kräuterbeete umspannte saß Lydia und flocht sich einen Kranz aus Kamille- und Malvenblüten. Ihr Gesicht war weich, als träume sie einen fröhlichen Tagtraum.
Als er mich kommen sah, hob mein Meister die Hand.
„Ach Aaron, ist es so weit?“
Ich ging zu ihm hin. Lydia warf ich einen kurzen Blick zu, aber sie sah nicht nach mir. Sie schwebte noch immer in ihrem Traum.
„Ja, Meister Barral, die Kutsche dürfte bald vorfahren. Wenn ich Glück habe, bin ich morgen Mittag zurück in der Akademie.“
Er legte die Hände in den Schoß. Er sah schwach aus, die Gifte Nilrems hatten ihn beinah das Leben gekostet. Zusammen mit Lydia hatten wir in letzter Sekunde eine Kräutermischung gefunden, die sie neutralisierte.
„Ich bin froh, dass du hier warst, Aaron. Du warst ein guter, ein sehr guter Schüler und du wirst ein hervorragender Prinzipal werden.“
Wir sahen uns freundlich in die Augen.
„Darf ich dir noch einen Rat mitgeben?“
Ich nickte nachdrücklich.
„Sicher Meister, sehr gerne.“
„Achte immer auf den Umgang den du pflegst. In Versuchung bringen uns eigentlich immer die, die uns schwach machen. Die ziehen uns an, wie ein feiner Met, wie eine Pfeife blaue Träume. Aber suchen, Aaron, musst du die, die dich stark machen. Durch die du dich lebendig fühlst, die nie aufhören, das Bessere in dir zu sehen und zu suchen. Verstehst du das?“
„Ja Meister, sehr gut.“
Ich warf Lydia noch einmal einen Blick zu und dieses Mal erwiderte sie meinen Blick. Wie eine frische Welle, wenn man ins Meer steigt, berührten mich ihre Augen. Man schreckt zurück und will doch weiter hinein, als würden die Wellen mit den Lebensgeistern spielen.
„Besuch uns doch wieder mal, wenn du Zeit hast. Auch Lydia würde sich freuen.“
Spielend entzog sie sich meinem Blick und ließ mich im Unklaren, ob das stimmte oder nicht.
Ich nickte, etwas mutloser, ohne die Spannung zwischen ihr und mir.
„Das mache ich gern. Sicher werde ich für meinen Bericht noch manche Frage an Sie haben.“
Das Klappern der Kutschräder näherte sich.
„Dann scheue dich nicht sie zu stellen.“
Ich wechselte noch einen Blick mit Meister Barral und sah nach Lydia, die es vorzog, sich, von mir, ansehen zu lassen und wandte mich dann ab, der Kutsche zu.
Vielleicht würde mich die Akademie bald wieder losschicken, vielleicht nach Thaliana oder Amazonia, um neue Abenteuer zu suchen. Ich konnte es mir vorstellen, wenn man jung ist, kann man sich so vieles noch vorstellen. Aber in dieser Stunde war es erstmal an der Zeit Abschied von Cutlery Hall zu nehmen.

Ende


05/20 PGF

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