Verzicht

Der Spaß scheint vorbei. Das sind wir nicht gewohnt. Das macht alle etwas reizbar. Unsere Spiele könnten vorüber sein und der Ernst des Lebens geht nicht weg.
Wir hatten das alles verräumt: die Alten, die Kranken, die Kinder und die Schwachen. Wir wurden versorgt von einem Uhrwerk, bei dem wir nach Stunde unser Leben abgeben konnten, um arbeiten, um konsumieren und uns unterhalten zu können. Wir haben, das alles: Kindheit, Alter, Tod, Familie, nicht mehr im Bezug zu unserem Leben gesehen, sondern im Bezug zu unserem Besitz, den wir abgeben, wenn er anstrengend wird. Jetzt kommt das alles zurück und arbeiten müssen wir noch oben drauf und Sicherheit verlieren wir zusätzlich und lachen, wann haben wir zuletzt, unbeschwert gelacht?
Ich bin kein Kulturpessimist. Ich freue mich auf die Bundesliga, mir war Familie immer Erfüllung und Verantwortung, ich war schon immer skeptisch gegen die Verwahranstalten: Schule und Altenheim, die wir um die in der Lebensmitte gebaut haben, damit sie ungestört arbeiten können. Es ist für mich eher ein psychologischer Moment, fast ein buddhistischer Moment: der feine Prinz Siddhartha, ist dem Palast entflohen, ist konfrontiert mit Alter, Krankheit und Tod, aber diesmal als kollektive Erfahrung der Konsumgesellschaft.
Später sollte der geläuterte Prinz den mittleren Weg empfehlen, nachdem er Wohlleben und Askese ausgekostet hatte. Sicher kam auch ihm irgendwann der Gedanke: Was kann man durchhalten, von dem was man sich vornimmt? Wie viel Verzicht verträgt man?
Vor dieser Frage stehen wir, als Gesellschaft und ich verstehe nicht, weshalb die Politik nicht das tut, was jedes große Unternehmen regelmäßig tun muss: Eine Risiko-Analyse betreiben. Wenn wir die Corona-Maßnahmen weiterhin so betreiben, drohen uns bis zum Tag X so viel Arbeitslosigkeit, Konkurs, sekundäre Erkrankungen etc. Wenn wir die Corona-Maßnahmen lockern drohen uns bis zum Tag X so viele Tote, so viele überlastete Krankenhäuser, familiäre Tragödien. Dann stellt man beides einander gegenüber. Es geht wieder um den Preis den man zahlen muss, den eine Gesellschaft, wie beispielsweise Schweden, als Kollektiv, durchaus bereit sein kann zu zahlen. Und entscheidet: Welcher Verzicht wiegt schwerer und welchen Verlust kann man überhaupt durchhalten, ohne die Lebensqualität zu verlieren, die das Leben lebenswert macht?

 

05/20 PGF

14 Kommentare

    1. Lieber Castorp, ich hoffe dein Vertrauen wird belohnt.
      Offen gestanden gehen meine Zweifel weniger in Richtung: ob bezüglich Corona alles richtig gemacht wird. Tatsächlich haben wir, mit deutscher Gründlichkeit, sehr vieles richtig gemacht.
      Aber irgendwann muss man aufpassen (und ja ist überzeichnet), dass der Patient nicht am Schädelhirntraum stirbt, während man das gebrochene Bein versorgt. Ein Einzelfall eines befreundeten Rettungssanitäters: Patient mit Magenblutung seit 5 Tagen, der den Rettungsdienst nicht anruft, aus Sorge er könnte Kapazitäten für Corona wegnehmen. Das Große wirkt gut, aber im Kleinen versagen die Regularien zunehmend. Nicht nur wirtschaftlich, sondern auch medizinisch und sozial.

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      1. Lieber Peter, das glaube ich. Die Kunst der guten Politik ist es aber das Gemeinwohl mit den richtigen Prioritäten zu versehen. Dein Bekannter sagst du, hat selbst darauf verzichtet, sich behandeln zu lassen. Die größte Gefahr die ich neben Corona sehe ist Labilität der Gesellschaft und die Anfälligkeit für scheinbar überzeugende Argumente. Wenn ich sehe, das tausende auf die Straße gehen deshalb wird mir sehr unwohl. Liebe Grüße Wolfgang

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      2. Lieber Wolfgang, danke für deine Rückmeldung.
        Nein, der Bekannte ist Rettungssanitäter und das ist nur ein Fall von vielen, bei denen die reguläre, medizinische Versorgung nicht mehr gesichert ist.
        Die „Übersterblichkeit“ muss keine übersehene Coronazahl sein, sondern mag auch daran liegen, dass viele Erkrankungen „ausgesetzt“ wurden, um Kapazitäten freizuhalten.
        „Die auf die Straße gehen“, ich bin noch nicht sicher, was ich davon halten soll. Da mischen sich Unvernunft und Verzweiflung. Aber Fragen, Hinterfragen, Widersprechen gehört auch zur Bürgerpflicht. Verfassungsrechtler, wie Papier, die auch erste Bedenken äußern sind, dem linken Lager, unverdächtig.

        Der mündige Bürger, das ist ein großes, deutsches Trauerspiel, für das es, seit Goethe, ein Bildungsideal gibt, welches mit Fleiß, missachtet wird und wurde.

        Danke dir für den Austausch
        Peter

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      3. Ok Peter, letztendlich wissen wir alle nur was wir woher auch immer erfahren. Das ist praktisch immer zu wenig um ein umfassendes Bild zu haben. Genau das ist die Gefahr einer „Basisdemokratie“ nach Schweizer Vorbild. Demonstrationsrecht ist zweifellos ein hohes gut aber wehe wenn die Demonstranten die Macht übernehmen. Es lohnt sich immer ein bisschen herauszuzoomen. Wenn wir in andere Länder schauen haben wir es mit unserer Regierung mehr als gut…

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  1. Würde die Politik das tun, was viele große Unternehmen jetzt tun, dann würden sie erst mal Boni und Dividenden auszahlen, damit bloß nicht der Aktienkurs sinkt. 😉

    Aber Schwamm beiseite, oder wie das heißt, ich bin mir nahezu sicher, dass innerhalb der internen Beratungen des sog. Corona-Kabinetts eben eine solche Risiko-Analyse, in welcher Form auch immer, bereits stattgefunden hat. Ich bin mir aber ebenso sicher, dass man das nicht nach außen kommniziert, auch weil man als Laie wohl kaum seriös abwägen kann, ob die getroffenen Einschätzungen so stimmig sind oder eben nicht.

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    1. Nun, lieber Fraggle, die Boni und Dividenden der Politiker heißen Wählerstimme und Wiederwahl und der ein oder andere Laschsöderet treibt seine Aktien mit dem Wählerempfinden nach oben.

      Zwecks Risiko-Bewertung wage ich einen Vergleich mit mir-fällt-kein-treffender-ein-Hinweis:
      Die Soldaten an der Front erzählen andere Geschichten, als die Politiker vor der Kamera. Die Soldaten an der Front sehen die Kolateralschäden, den Materialmangel, den Mangel im Detail gegenüber dem ausgerufenen Ziel, den Verlust an Menschen und Menschlichkeit beim Versuch den Befehl durchzusetzen, statt über die Maßnahmen zu verhandeln und Kompromisse zu finden.

      Der Laie ist der Wähler und, wenn man ihm nicht zutraut, seine Risikoanalyse mit ihm zu teilen, dann stellt sich die Frage, warum man ihm zutraut, wählen zu können.

      Ich kann es nur betonen: Es geht mir nicht darum, Corona oder die anfänglichen Maßnahmen in Frage zu stellen.
      Aber Tatsache ist, wenn du jetzt den falschen Tumor hast, musst du warten, ob das Krankenhaus deiner Wahl, die Kapazität wieder schaffen kann, für deinen „nur elektiven“ Eingriff, falls es wirtschaftlich überlebt, nachdem nun doch nur die freigehaltenen Intensivbetten gegenfinanziert werden sollen und alles andere verlustbringend leer stand und falls noch Pflegepersonal vorhanden ist, dass nun doch leer ausgehen soll (außer der Altenpflege) und nach dem Krisenmodus, ohne Pause, im Normalbetrieb weitermachen soll.

      Die Corona-Politik ist cool, die Details sind doof 😉

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      1. Es liegt doch in der Natur der Sache, dass Politiker wiedergewählt werden möchten, ebenso wie Arbeitnehmer an der Fortführung ihres Arbeitsverhältnisses und Selbständige an der Fortführung ihres Geschäftes interessiert sind. Ich finde das kein Stück verwerflich.

        Ebenso ist klar, dass die Politiker nicht die Arbeit „an der Front“ machen, auch gar nicht machen können. Aber auch bei denen „an der Front“ wirst Du vollkommen unterschiedliche Einschätzungen der Lage hören, je nachdem, wo sie sich so befinden. Als Beispiel aus meiner Region: Wir haben in unserem schönen Landkreis noch einen stationär behandelten Corona-Fall, der Betrieb an der örtlichen Klinik läuft daher weitgehend normal weiter. Nur ein wenig weiter in Richtung Osten sah es an der Medizinischen Hochschule Hannover über einen kurzen Zeitraum anders aus, da war nahezu Land unter. Während also jemand aus der ersten Kllinik mit der Lockerung der Maßnahmen keine Probleme haben wird, werden Angestellte der letzten Klinik das mit Händen und Füßen verhindern wollen. Und recht haben für sich genommen beide. 😉

        Ich weiß auch nicht, inwieweit das Teilen der Risikoanalyse Sinn ergäbe. Ich kann da nur für mich sprechen, fühle mich aber durch regelmäßige PKs des RKI fast gebetsmühlenartig informiert, sehe mich aber selbst völlig außerstande, die Entscheidungen der Regierung angemessen zu beurteilen.

        Dass man als Patient derzeit Unannehmlichkeiten erleiden muss, bestreitet keiner. Notfalls muss man eben, sofern möglich, auf eine Klinik ausweichen, die nicht die „Klinik der Wahl“ ist.

        Meines Erachtens war von vornherein klar, dass die gesamte Situation sowie die Maßnahmen die sie erfordert, nicht ohne Kollateralschäden abgehen wird. Ich persönlich bringe aber nicht die Expertise mit, diese Dinge zu beurteilen, deswegen gäbe es für mich auch keinen Grund, die Erwägungen der Regierungen offenzulegen.

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  2. Eine interessante Diskussion, bei der ich Dir, lieber Peter, in Deinen Zweifeln zustimmen möchte. Ich bin mir nicht sicher, ob von der Politik eine Risikoabwägung durchgeführt wird, weil immer auch auf die Wählerstimmen geschielt wird. Und die haben bisher die harten Maßnahmen überaus positiv honoriert. Dies mag am Anfang richtig gewesen sein, aber heute? Die Verantwortung muss meines Erachtens wieder jedem Einzelnen überlassen werden, denn es gibt einfach mittlerweile zu viele ernstzunehmende, auch wissenschaftliche Stimmen, die sagen, die Katastrophe ist ausgeblieben. Lasst uns eine Schlimmere verhindern.

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    1. Danke liebe Alraune, das fasst den Denkanstoß perfekt zusammen, den ich, in einer zunehmend erhitzten Debatte geben wollte.

      Diskussionen die heute sehr schnell zur Diskreditierung einer Position führen waren, noch in der Ära Schröder, Teil der normalen gesellschaftlichen Meinungsbildung. Ich frage mich, wie die Anti-Akw-Bewegung heute bewertet würde und wo wir energiepolitisch stünden hätte es die Diskussion nicht gegeben.

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  3. Danke für das Mitteilen deiner Gedanken, mir geht es ähnlich.
    Dieses ständige rauf und runter, hin und her, vor und zurück, als wichtig und unwichtig dargestellten Fakten und Szenarien von Politikern, Virologen, Medizinern und auch von Nachbarn, Kollegen, Freunden und Familienangehörigen machen mich langsam aber sicher verrückt. ICH weiß inzwischen nicht mehr, was wirklich wichtig ist, um diese Lage möglichst unbeschadet zu überstehen.
    Da ist die Familie, die dringend ärztlich versorgt werden müsste – was jedoch zurückgestellt wird wegen Corona. Andersherum öffnet alles wieder, selbst die DFL soll wieder spielen – und everybody rennt in Massen durch die Gegend, als wenn nichts wäre.
    Die Einen sorgen gewaltsam für Abstand, während Andere gewaltsam drängeln. Nicht zu vergessen die Ignoranten, die das alles für einen Staatsstreich halten. Es ist wie iin einem globalen Irrenhaus.
    Nur mit dem Unterschied, dass wir alle Insassen dessen sind und sich niemand entziehen kann.
    Ich habe momentan eine absolute Schreibblockade, weil ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll….
    Es bleibt spannend. 🙃😪😎🤔🤮😒😉

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    1. Manchmal ist das Thema so groß, dass man erst ein wenig Abstand gewinnen muss, bis man darüber schreiben kann oder man variiert es, auf seine ganz persönliche Weise – dazu demnächst mehr … 😉

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