Frankfurt 95 (1)

1.

Draußen fuhr die Straßenbahn vorbei, Richtung Gravensteiner Platz. Die Gleiße ruckelten angemessen unter dem Gewicht des Triebwagens und der Waggons. Dann war es, in der Kantapfelsiedlung, wieder still.
Still?
Nicht ganz. Eine Amsel zwitscherte durch das offene Fenster und das rhythmische Krachen, der Frühlingsflocken aus deinem Mund, wob einen monotonen Hintergrund, für unser verlorenes Zusammensein.
Das Licht fiel mild und weiß in die Küche. Aber du merktest es nicht. Du starrtest in den Boulevard-Teil der Zeitung. Und ich? Ich starrte in mein Leben.
Ich begriff, was ich schon oft begriffen hatte, ohne etwas zu tun: ein Lebensabschnitt welkte. Es war, wie immer: Ich wollte bleiben, während mein Schicksal sagte: Geh!
Es war warm, um kurz nach acht, obwohl der Sommer noch nicht alt war. Die Welt trug ihr grünes Kleid. Irgendwo da draußen, wo die Welt keimte und wuchs, durch die ich als Kind getobt war. In Frankfurt, hatte ich diese Welt nie gefunden. Sie geriet in Vergessenheit. Wer die Nähe zur Natur nicht kannte, vermisste nichts. Der lebte in der Stadt, wurde dort geboren und starb dort und, wenn er Ausflüge unternahm, unternahm er sie zum Römerplatz oder bei Voxtours.
Von der Natur wollten wir nichts mehr wissen. Es gab eine Welt für Menschen und eine Welt für die Natur, aber kaum Überschneidungen. Nur den Himmel über uns, manchmal ein Stück Wald oder einen Fluss, der mit seinem unverständlichen Rauschen, zwischen unseren Häusern strömte, blieben von der Welt der wir entsprungen waren.
Deine Augen leuchteten auf. Du hattest etwas entdeckt, in der Welt aus Klatsch und Tratsch, dass dir gefiel. Ich beneidete dich nicht, um deine Freude. Mir war sie fremd. Sympathischer wurdest du mir nicht. Ich mag nicht, wenn sich Frauen, wie Mädchen freuen, aber wie Frauen behandelt werden wollen. Aber es war sinnlos dir das zu erklären.
Draußen hob der Verkehrslärm an. Es war – ich sah zu Uhr- gleich halb neun, Samstag, Zeit für die meisten, zum Einkaufen. Zeit dich loszuwerden.
Ich erhob mich. Schwer, als hielten mich meine Gedanken auf dem Stuhl fest, damit ich sie aushalte. Griff nach meiner Tasse Kaffee und ging zur Spüle.
Die stand direkt am Fenster. Man konnte beim Kochen sehen, was auf der Straße geschah. Manchmal kochte ich, bei offenem Fenster, wenn die Abgase der Autos nicht so dicht waren, dass ich lieber darauf verzichtete.
Ich goss meinen letzten Schluck Kaffee in den Ausguss, schwenkte kurz die Tasse, mit lauwarmem Wasser und stellte sie in den Abtropfer.
„Du musst los.“ Sagte ich und weckte dich, aus deiner mit Promi-News angereicherten Fantasie.
„Ist schon so spät?“
„Gleich halb neun.“
Ein Lächeln huschte über dein Gesicht und deine Augen strahlten mich an.
„Dann … Sehen wir uns heute Abend?“
Ich zuckte mit den Achseln.
„Keine Ahnung. Ich überlege ein paar Tage zu verreisen.“
Du warst überrascht.
„Wirklich? Wo willst du hin? Hast du Geld?“
„Ja.“ Log ich. „Muss mir nur noch überlegen wohin.“
Du kamst näher, gabst mir einen Kuss.
„Die Nacht war schön.“
Ich wich deinem Blick aus. War sie das? Waren Nächte schön, ohne Verpflichtung, offen, frei, lustvoll und unverbindlich? Neue Wege der Liebe … mir war das fremd. Aber du verstandst davon nichts: du glaubtest dich geliebt, weil ich dich machen ließ und da war, wenn du Sehnsucht nach Halt hattest. Du fühltest dich geliebt, weil du mir gleichgültig warst. Ich wollte wissen, warum du so, glücklich sein konntest.
Ich zwang mich zu einem Lächeln.
Draußen hupte jemand.
„Dein Taxi.“ Scherzte ich, um den Moment zu beenden.
Dein Nicken war süß. Es tat mir leid, wie ich über dich dachte, aber es war besser, es dir nicht zu sagen. Manches verriet man sich nicht. Für Erkenntnis, zahlte jeder, mit seinem eigenen Blut.

05/20 PGF

18 Kommentare

  1. interessanter beginn!
    (eine kleinigkeit: hier: „und das rhythmische Brechen, der Frühlingsflocken aus deinem Mund, “ klingt es so, als würde sie sich übergeben, aber das ist wohl nicht gemeint?! was du meinst, ist wohl eher das kau-geräusch? 😀 )
    einen lieben gruß von d.

    Gefällt 2 Personen

    Antworten

    1. Danke liebe D, ja ich habe gehadert, aber in Ermangelung einer Alternative entschieden, dabei zu bleiben 😉

      Da ich persönliche der Meinung bin Frosties dürfen nicht matschig werden schieden mahlen und schmatzen aus 😎

      Gefällt 1 Person

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      1. Aber so ein bisschen fachsimpeln über Synonyme hilft immer und ist vergnüglich 🙂

        Moment – „das rhythmische Knuspern …“ Hmm? Nein, es müsste lauter wirken, in der Stille, neben der Amsel, nach der Straßenbahn – Krachen?

        Gefällt 1 Person

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