Frankfurt 95 (2)

2.

Als du draußen warst atmete ich durch. Ich ging in die Küche und räumte auf. Immer, wenn es in meinem Kopf wild hergeht, räume ich auf. Ich mache Waschbecken sauber oder lege Wäsche zusammen. Auch, wenn es ein Singlehaushalt ist, ich mag ihn sauber.
Ich stellte unsere Weingläser vom Vorabend in die Spülmaschine und leerte die Karaffe Wasser in den Ausguss.
Wir hatten das klassische Programm gespielt: angenehmes Gespräch bei einem Glas Wein. Ich hatte gescherzt und du hattest passend gelacht, damit ich wusste, dass ich dir gefalle, dann zogst du deine Schuhe aus, Füße hoch aufs Sofa, Beine angewinkelt, noch einen Schluck Wein, noch ein Scherz, sich zufällig näherkommen, ein flüchtiger Kuss und ab in die Federn. Vorspiel, drei Stellungen, dein Höhepunkt (ich glaube er war echt), mein Höhepunkt, sich spüren, duschen, im Löffelchen einschlafen. Also du schliefst und ich fragte mich, ob das eine gute Idee gewesen war.
Vielleicht sollte ich wirklich verreisen, dachte ich und wusste, dass es nichts half, wenn ich mir vorlog, ich hätte das Geld dazu. Ich hatte es nicht. Also ich hatte es aktuell nicht. Das würde sich auch nicht ändern, wenn ich so, wie ich jetzt lebte weitermachen wollte: mit Mietwohnung im Wohnblock und so.
Auf diese Art, reichte mein Geld für die Miete und für Essen und, um etwas zu ersetzen das kaputt ging. Aber Geld, um einen Flug, ein Hotel und Eintritt zu bezahlen, das hatte ich, auf diesem Weg nicht.
Das Geld reichte, um zu überleben, um mich mit dem GEZ-Programm, einer Frau, die ich auf ein Glas Wein einladen konnte, zu unterhalten. Aber irgendeine Form von Wachstum, für mich oder die Welt, kam nicht heraus. Ich vegetierte, wie eine Bakterie in ihrem Biotop. Mein einziger Vorteil war, dass ich nicht arbeitete, für mein Geld. Also nicht im üblichen Sinn. Ich hatte mich, für eine andere Erwerbsbiografie entschieden.
Ich sah mich in der Küche um und fand sie ausreichend aufgeräumt. Ich ging ins Bad und machte dort weiter. Die Wäsche musste noch zusammengelegt werden. Den Wäschekorb nahm ich mit mir ins Wohnzimmer. Leerte die Unterwäsche auf das Sofa, auf dem ich dich gestern verführt hatte und begann zuerst die Unterhosen zusammen zu legen und in den Wäschekorb zu stapeln.
Ich nahm mir ein Paar Socken und hielt inne. Ich dachte nach. Juni 95, dachte ich. Das passte. Acht Jahre war es also her. Gut, ich erinnerte mich nicht, ob Juli 87 oder September. Es konnte auch Februar oder Mai gewesen sein. Aber ich orientierte mich nicht an Monaten, sondern an Jahren, das machte das Rechnen leichter. Es mochte also gut sein, dass das Geld bis zum Jahresende reichte. Ich hatte ewig keine Kontoauszüge geholt. Sollte mir das Geld ausgehen, wie jemand der im Vorratsschrank Haferflocken gehortet hat und erst, wenn die letzte Packung leer ist, merkt, dass er vergessen hat nachzukaufen?
Ich legte das letzte Knäul Socken in den Wäschekorb und brachte den Korb zu meinem Kleiderschrank. Die rechte Schranktür, zu meinen Kleidern ging etwas schwerer auf, weil der Magnet die Tür stabiler hielt, als der Holzknauf es auszugleichen vermochte. Deshalb musste ich erst die linke Tür öffnen, um die rechte, mit einem Griff an den Türflügel, aufziehen zu können.
Meine Socken waren in einer Schublade hinter der linken Tür. Hinter der rechten, hoch oben auf einem Ablagebrett stand der Schuhkarton. Ich hatte ihn fast vergessen.
Es war verrückt, dass ich ihn fast vergaß, dass ich meine Taten vergaß. Aber die Zeit … use it or lose it.
Ich hatte nie Sorge empfunden, vor Entdeckung und ich empfand keine Reue. Vielleicht hatte ich den Karton deshalb vergessen.
Erst, wenn es Zeit wurde, dachte an den Schuhkarton und seinen Inhalt. Es war Juni und es war acht Jahre her, vermutlich war es also Zeit.

05/20 PGF

7 Kommentare

  1. Jetzt komm ich ins Grübeln, was wohl in dem Karton sein könnte…
    Eine Waffe? Geld? Eine Whiskeyflasche? Ein Weckglas, gefüllt mit Formaldehyd + Innereien? Zeitungsartikel? Briefe???
    Oder doch nur ein alter Teddybär?!?
    In jedem Fall sehr spannend…. 👻

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  2. „Ich dachte nach. Juni 95, dachte ich. Das passte. Acht Jahre war es also her. Gut, ich erinnerte mich nicht, ob Juli 87 oder September.“
    warum hier auf einmal 87? nicht 95? hat das eine bewandnis?
    liest sich gut, fein aufgebaute spannung.

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