Frankfurt 95 (3)

3.

Ich nahm den Karton von seiner Ablage, kurz überrascht vom Gewicht und trug ihn zu meinem Bett. Dort stellte ich ihn ab und betrachtete ihn einen Moment ruhig. So, wie ein Operateur die vorbereitete Körperstelle betrachtet, ehe er das Skalpell nimmt und sie aufschneidet.
Dann nahm ich den Deckel ab.
Die Glock lag, sauber eingeschlagen in ein Ledertuch, in der Mitte. Beides füllte fast vollständig den Karton. Der restliche, freie Raum gehörte zwei Packungen Munition, einer Sturmhaube und einem gefälschten Führerschein.
Dieser Schuhkarton war der Schlüssel zu meinem Berufsleben.
37500,- DM Gehalt würde ich pro Jahr benötigen, hatte ich mir mal ausgerechnet. Ein Betrag, den ich vielleicht mit diesem Jahr nach oben korrigieren musste. Aber damals 1982, ich war siebzehn, war das ein vernünftiger Betrag. Ich stand, unter dem Druck meines Vaters, vor der Wahl meine Lehre als Schlosser fortzusetzen oder mein eigenes Geschäftsmodell zu starten.
Vielleicht war ich, rückblickend betrachtet, einer der ersten Projektarbeiter. Es war das Prinzip: arbeite kurz hart, um dann lange auszuspannen, das mir gefiel.
Die Glock war mein Werkzeug. Sie war damals zwei Jahre am Markt. Ein Kumpel besorgte sie mir aus Frankreich. Ich wohnte damals in der Nähe der Grenze. Mein Kumpel kannte einen ehemaligen Fremdlegionär der – seine Beziehungen hatte.
Mein erstes Projekt war ein Juwelier, am Monatsende. Er war auf dem Weg zur Bank und ich fest entschlossen mir nicht den Schmuck zu nehmen, den ich umständlich verkaufen musste, sondern das Geld der Monatseinnahmen. Es waren exakt 114000,- DM, also 1500,- DM mehr, als geplant, für die kaufte ich mir einige Wochen später einen Fernseher.
Am Tag nach dem Überfall, gab ich bei meinem Vater vor, zur Arbeit zu gehen. Tatsächlich fuhr ich mit dem Zug nach Berlin, mietete mich in einer Wohnung ein und fing an, mein eigenes Leben zu leben. Meinem Vater war schon die Frau, meine Mutter, davon gelaufen – und es hatte ihn nicht gekümmert – auch mich, schien er ziehen zu lassen.
Das Geld reichte bis 85. Da gelang mir nichts großes, gerade mal genug für zwei Jahre.
Aber dann 87, mit 22 und Pfeffer im Hintern wagte ich mich an eine Bank in der Nähe von Düsseldorf. Eine Dorffiliale ohne Sicherheitskonzept. Die Beute? 300000 DM, das Geld, dass mir bis zu diesem Jahr ausgereicht hatte, weil ich nie, nie mehr als 37500 im Jahr ausgab. Egal, welche Reise mich lockte, welches Bordell, welches Essen. Die Alternative war: einmal Action und dann lange chillen oder als Schlosser arbeiten. Die Variante mit: einmal arbeiten und acht Jahre ausspannen, gefiel mir besser. Es war die perfekte Mischung aus Sicherheit und Abenteuer.
Offensichtlich war mir die Sicherheit so bequem geworden, dass ich die Zeit ganz vergessen hatte.
Ich schloss die Augen. Mein Magen krampfte sich einen Augenblick unangenehm zusammen. Ob ich noch die Chuzpe besaß? Gut, mit 30 war man noch nicht gesetzt, auch, wenn Familie, ein unbefristeter Arbeitsvertrag und ein Haus, für das man sich verschuldet hatte, dazu gehörten. Das alles hatte ich nicht. Aber ein bisschen mehr, als mit 22, hatte ich auf dem Schirm.
Ich schlug die Augen auf, setzte den Deckel auf den Schuhkarton und trug ihn ins Wohnzimmer. Es war Zeit für das Frühstücksfernsehn. Das lenkte mich ab und brachte mir vielleicht ein paar Ideen.
Es sprach ja nichts dagegen, statt mich mit dem Schuhkarton zu beschäftigen, einfach eine Lehre zu beginnen. Etwas bürgerliches, Landschaftsgärtner war bestimmt nett. In München? Ich hatte ja die freie Wahl.

05/20 PGF

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