Frankfurt 95 (4)

4.

Ich stellte die Kiste auf das Sofa neben mich, legte die Füße auf den Tisch und schaltete den Fernseher ein.
Im „Morgenmagazin“ liefen die Nachrichten. Kanzler Kohl war zu sehen, der nach seiner Position zur Haltung der Umweltministerin befragt wurde. In seiner behäbigen Art erklärte er, dass er der Ministerin Merkel nur beipflichten könne, dass der Salzstock Gorleben unbedingt geeignet sei, um darin Atommüll zu lagern.
Der Reporter hakte nach, dass es doch bereits beim Atommülllager Morsleben, umfangreiche Bedenken von Experten gäbe, ob die Sicherheit gewährlistet sei.
Kohl bedachte den Reporter mit spöttischem Blick und erklärte: „Das hat Ministerin Merkel genügend geprüft, es bestehen keine Bedenken.“
Ob sie denn auch die Sicherheit der Castor-Transporte überprüft habe. Worauf der Kanzler keine Antwort mehr gab.
Ich betrachtete Kohls Miene aufmerksam. Er hatte etwas im Blick, was mich, an mich selbst erinnerte. Ich ließ auch nie jemand ganz an mich herankommen, weil es Taten gab, über die ich niemals sprechen wollte. Als Verbrecher sah ich mich nicht. In den letzten acht Jahren, war ich für zwei Stunden kriminell gewesen, seitdem lebte ich ein bürgerliches Leben. Na ja, bis auf ein, zwei kleinere Sünden. Der Bundeskanzler, so war mein Eindruck, spielte mit der gleichen Ambivalenz: Er war ein redlicher Staatsmann, mit Vertrauen in seine Minister, dem Herz am rechten Fleck und der Verantwortung für das Volk, aber daneben, im Schatten dieser Persönlichkeit, die er zeigte, lauerte das Unrecht, der Machthunger. Ich konnte nicht sagen worin Kohl seine Finger hatte, aber ich war fest überzeugt: Er war ein Verbrecher wie ich. Keiner der ständig das Gesetz bricht. Im Gegenteil 99% seines Lebens war er gesetzestreu, aber dieses 1% nutzte er zu seinem Vorteil, um das zu bekommen was er haben wollte. In seinem Fall Macht, in meinem Fall war es Bequemlichkeit.
Ich schaltete den Fernseher aus. Ich begann mich zu ärgern. Wenn ich die Bundesregierung sah, ärgerte ich mich immer. Aber es gehörte zur Demokratie, auch die zu akzeptieren, die man nicht gewählt hatte. Ich hoffte, nur es würde die letzte Amtszeit von Kohl werden.
Plötzlich war es sehr still, in meiner Wohnung.
Ich sah wieder zur Kiste, die neben mir auf dem Sofa stand und hätte am liebsten ihre Existenz aus meinem Leben gelöscht. Aber das hätte bedeutet, von Montag bis Freitag, von 7.00 bis 16.00 zur Arbeit zu gehen und nicht die Tage verbummeln zu können, wie ich es, Dank ihrem Inhalt konnte.
Ich stand auf und holte mein schnurloses Telefon. Ich wählte die Nummer von Muschgl, bei dem ich ab und zu, was zum Rauchen kaufte. Eigentlich lag mir nicht am Dope, weil er mich nur schlapp machte, aber ich träumte gut davon und, wenn ich innerlich unruhig aber unentschlossen war, half mir das Kiffen, besser in Balance zu kommen.
Muschgl hob ab. Seine sonore Stimme raunte: „Joh!“
„Ich bin´s. Hast du Zeit?“
„Habb isch. Woas willschde?“
„Treffen wir uns an der Pommesbude? Ich habe Lust auf eine Currywurst.“
Das war unser Codewort, für einen kleinen Deal. Muschgl hatte immer Sorge sein Telefon würde abgehört.
„An de Pommesbude? Gud! In oaner halbe Schdunn.“
Ich legte auf. Es war Zeit mich anzuziehen.
Ich nahm den Schuhkarton, brachte ihn zurück an seinen Platz und nahm mir Kleider aus dem Schrank.
Vielleicht hatte ja Muschgl eine Idee. Nicht das ich mich auf seine Geschäfte eingelassen hätte, aber er kannte in der Frankfurter Szene die ein oder andere größere Nummer, die vielleicht einen Job hatte oder etwas wusste, aus dem man einen Job machen konnte.

05/20 PGF

9 Kommentare

      1. Hm, das Schreiben vertieft das Verständnis für die Facetten der Seele? Es hält sie nur fest. Das Verständnis muss auf einer anderen Baustelle wachsen, würde ich meinen.

        Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.