Frankfurt 95 (5)

5.

Ich fuhr mit der Straßenbahn, in die Schwanthalstraße. Dort war das „Worscht Company“, welches die besten Currywürste der Stadt verkaufte und für „kleine Geschäfte am Rande“ ausreichend unauffällig war. Als ich ankam, wartete Muschgl bereits auf mich.
Die Legende besagte, dass Muschgl, vor Einnahme der Anabolika und der täglichen Hantelbank, ein mageres Kerlchen war, dem meist nur Staub schlucken übrigblieb, wenn er es wagte seinem, bereits damals, vorlauten Mundwerk freien Lauf zu lassen.
Nach der x-ten Tracht Prügel hätte ihn einer seiner älteren Brüder, es hieß er habe sieben, in ein Bodybuilding-Zentrum geschleppt, wo der Besitzer ihn, zur Motivationshilfe, mit Anabolika versorgt hatte. Dadurch hatte Muschgl es zu einem Muskelwachstum gebracht, wie es sonst nur für Zuchtbullen üblich war.
In den folgenden Jahren, ließ das Mundwerk nach, so wie die Muskeln zunahmen. Seine Intelligenz schien die Einnahme der Muskelaufbaustoffe nicht zu fördern, dafür wagte es niemand mehr, sich mit Muschgl anzulegen. Der bis 1,90 wuchs und 110 Kilo auf die Waage brachte, die fast ausschließlich aus Muskelgewebe bestanden. Jedenfalls sagte das die Legende. Und Legenden haben ja immer einen Kern Wahrheit.
Jedenfalls machte Muschgl nebenbei die Erfahrung, dass der Handel mit Substanzen Geld einbrachte und dem ein oder anderen zu einer Leistungssteigerung verhalf. Nachdem einer seiner sieben Brüder frisch aus dem Gefängnis, seiner Bewährung nicht länger, als drei Tage jungfräulich halten konnte, übernahm Muschgl dessen Geschäfte für K&K, wie Muschgl es nannte, also für Kokser und Kiffer.
Ich lernte Muschgl durch Zufall kennen.
Er war Türsteher im „Luckys“ wo ich manchmal hin ging, um eine Frau kennenzulernen. Irgendwie mochte er mich und als ich versehentlich, aber erfolgreich eine wohlgeformte Blondine überzeugt hatte, mit mir nach Hause zu kommen, ehe ich begriff, dass sie mit ihrem Freund im „Lucky“ war, war es Muschgl, der mich vor der anstehenden Tracht Prügel rettete. Als der Lärm vorüber war, rauchten wir für „die Närffe“ zusammen einen Joint. Ab da war Muschgl mein Freund.
Wenn man den Begriff nicht sehr weit fasste, also so weit, dass alle zum Freundeskreis gehörten, denen man seit der Grundschule begegnet war, dann war er mein einziger Freund.
Muschgl begrüßte mich mit großem Trara, wie er es immer tat, überzeugt, dass unsere Treffen so am unauffälligsten blieben.
„Setz disch mein Beschder.“ Befahl er mir wohlmeinend und klopfte mir, mit seiner Pranke auf die Schulter. „Ich häbb dir aa Pommes unn e worschd beschdellt.“
Ich nickte.
„Danke dir. Noch etwas früh, aber für den Geschmack.“
„Die häwwe die beschde.“
Ich setzte mich zu ihm an den Tisch.
„Ich habb woas debei.“ Versicherte er mich.
„Eilt nicht Muschgl. Eilt nicht. Mein Problem ist eher die Langeweile.“
„Brauchschd du Arwet.“
Ich wippte mit dem Kopf.
„Eher ein Projekt.“
„Isch kennd dir …“
„Nix für ungut Muschgl, aber ich bin ein Einmann-Unternehmen. Dein Tätigkeitsfeld liegt mir nicht.“
„Wilschde woas abziehe?“
Ich nickte nachdenklich.
„Ja, aber was, was sich lohnt.“
Muschgl dachte nach.
Ein Prozess den man an seiner Stirn nachvollziehen konnte. Als arbeitenden dahinter nicht Prozessoren, wie bei den meisten Menschen, sondern träge sich bewegende Zahnräder, von denen eines ins andere fassen musste, damit die Maschine langsam und schwerfällig in Gang kam. Es schien zu klappen.
„Isch hädd vielleischt woas für disch. En Insider. Awwer nedd do.“

05/20 PGF

8 Kommentare

  1. Ja, gern gelesen, auf jeden Fall.
    Ich fürchte es handelt sich um die SchwanthalERstraße, aber das ist nur ein Nebending, über das ich gestolpert bin.
    Der Dialekt ist auch nicht mein Ding, aber das tut dem Inhalt keinen Abbruch, für mich.

    Schönes langes Wochenende, Peter!

    Gefällt 1 Person

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