Frankfurt 95 (7)

7.

Am späten Nachmittag rief mich die Frau von letzter Nacht an. Ich hatte Mühe, mich an ihren Namen zu erinnern. Ich meinte, dass sie Lissi hieß und studierte. Etwas in der Art hatte sie mir erzählt.
„Na, hast du Zeit heute Abend?“ Fragte sie fröhlich.
Ich schloss die Augen. Ich war noch matt von dem Joint und dem anschließenden Schläfchen am Mittag.
„Ich weiß nicht.“ Antwortete ich ausweichend.
Sie ließ sich nicht entmutigen.
„Ach komm schon. Wir könnten zusammen ausgehen. Ich war schon ewig nicht mehr im Kino. „Während du schliefst“, läuft gerade.“
Ich zweifelte, ob das was für mich war. Trotzdem schaffte ich es nicht, nein, zu sagen. Lissy, wenn sie so hieß, war entwaffnend und auf angenehme Art hartnäckig.
Von der Liebe habe ich keine besondere Meinung. Ich glaube, Menschen scheuen sich davor, damit aufzuhören jemand zu lieben, weil sie dann merken, dass da nichts ist, außer einem diffusen Gefühl. Sie merken, dass sie gar nicht wissen, was ihre Liebe ist. Wer das weiß und stark ist, der liebt, weil er einen Sinn darin sieht oder hört auf, wenn er keinen mehr findet. Und genau so wollte ich sein. Aber ich schaffte es nicht. Lissy machte mich irgendwie dankbar. Es war ein schönes Gefühl, dass sie sich für mich interessierte. Aber keines, an das ich mich gewöhnen wollte. Wenn ich mich entschied, die Operation Parkplatz durchzuziehen, war meine Zeit in Frankfurt beendet.
„Also um 8 vor dem Kino.“ Sagte sie in mein Schweigen hinein.
„Ja.“ Sagte ich. Wie ich im gleichen Moment zur Operation Parkplatz: Ja, sagte. 400000 würden mir genau für 10 Jahre genügen (ich hatte mein Jahresgehalt auf 40000 erhöht). Dann würde ich 40 sein. Wenn das keine Zahlenmagie war! 40000 bis ich 40 war, das war fast, wie die Dauerrente der Glücksspirale. Dann war ich immer noch jung genug, für das nächste Projekt.
„Schön.“ Freute sich (die möglicherweise) Lissy und legte auf.
Die hat mich im Sack, dachte ich, mit einer Empfindung der Ausweglosigkeit. Was war denn nur passiert?
Bis gestern, war alles im Lot: Geld auf dem Konto, One-Night-Stands, Spaziergänge, Privat-Studium der Werke von Camus, Nietzsche und Thomas Mann – mir war recht früh bewusst geworden, dass ich verblöden würde, wenn ich mit dem Geld meiner Projektarbeit nur Müßiggang betrieb – und heute war das alles weg. Was so ein bisschen Bewusstsein, über die Zusammenhänge doch ausmachen konnte. Man lebte, wie doof in den Tag, plötzlich starb jemand an Krebs, den man kannte und ruckzuck, war man motivierter, etwas mehr aus seinem Leben zu machen. Auch, wenn es man schlussendlich selten tat, weil der Krebs (als Beispiel) der motivierte zu leben, zu gleich auch die Lust dazu entzog, weil ja alles in Erkrankung und Tod enden konnte. Wer das ausführlich erklärt haben wollte, musste sich nur bei den gleichen Dozenten, wie ich, eintragen: einem französischen Existentialisten, einem deutschen Philosophen und dem vielleicht begabtesten, deutschen Erzähler. Manchmal fand ich es schade, dass mir meine autodidaktischen Neigungen nichts einbrachten. Dass ich nicht irgendwo, nur eine Prüfung zu dem ablegen konnte, was ich mir beibrachte. Ich verstand, dass das nicht mit allen Fächern möglich war. Eine Weile hatte ich mich mit Medizin und Ingenieurswesen beschäftigt, aber da kam man ohne Erklärer, keine drei Schritt weit. Mein Versuch mich durch das Anatomiebuch von Lippert zu arbeiten scheiterte gnadenlos. So war ich zu Philosophie und Literatur gekommen und da, glaubte ich, reichte mir niemand so schnell das Wasser. Nur, dass mir das keinen Abschluss brachte. Deshalb musste ich mich mit dem Projekt Parkplatz beschäftigen und nicht mit meinen Gastbeiträgen beim Hessischen Rundfunk zur abendländischen Philosophie. Scheiße aber auch!
Das Ganze wurde dadurch nicht einfacher, dass Lizzy mit mir ins Kino wollte, in irgendeine romantische Schnulze, für die Nietzsche mich verteufeln würde.
Irgendwie passte ich nirgends hin. Alle hassten Klischees, aber die waren auch bequem. Wäre ich Schlosser geworden, wie mein Vater es sich gewünscht hatte, hätte ich gearbeitet und Bier getrunken, eine Frau geheiratet und ein Haus gebaut. Meine existentialistischen Fragen, hätte ich mir morgens in den Kaffee getunkt, viel zu müde, um sie mir zu stellen und nach einer gewissen Frist der Verblödung, hätte mir dieser Film vom Abend – wie hatte er geheißen? – vermutlich gefallen. Andersrum wäre auch okay gewesen: mit Drill zum Abi, mit dem Abi zum Studium, Abschluss als Doktor der Medizin und gut ist. Aber ich war zu dumm zum einen und zu klug zum anderen gewesen. Was für eine Kacke!
Ich entschied, mich zu duschen. Wenn mich etwas retten konnte, war es eine heiße Dusche.

05/20 PGF

9 Kommentare

  1. Mir fremde Wahrnehmungs- und Gedankenwelten, dennoch flüssig und interessant zu lesen. Wo ist das „Komma-Programm“? 😛 Viel flüssiger zu lesen so!

    Ich wünsch dir ein ruhiges und schönes Wochenende 🤗

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  2. Du hast ja recht. Ich formuliere um: Du zeigst mir mit dieser Geschichte Facetten meiner Selbst, mit denen ich weniger vertraut / in Kontakt bin 😉
    Auf den ersten Blick jedenfalls keine falschen, die den Fluss behindern.

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