Frankfurt 95 (9)

9.

Gegen 11.00 Uhr klingelte mein Telefon. Lena lag auf der Seite, den Rücken mir zugewandt und atmete friedlich. Ich zog die Decke an ihrem Rücken zurecht, damit sie nicht fror und beeilte mich aufzustehen, damit sie nicht wach wurde.
Ich ging aus meinem Schlafzimmer, zog die Tür zu und ging zum Flur, wo sich mein Telefon befand.
Ich hob ab.
Es war Muschgl.
„Ich hebb en Termin.“
„Du hast was?“
„En Termin.“
Er erklärte mir, dass er noch einmal mit dem Abgeordneten telefoniert habe. Um herauszufinden, wann die Übergabe des Koffers stattfinden könnte, bot er dem Mann eine Speziallieferung Koks an, wann immer der könne. Die Antwort lautete: „Ich kann die ganze Woche nur Mittwoch und Donnerstag nicht.“
„Also is´s Middwoch orrer Dunnerschdoag.“
Das klang nach keiner schlechten Theorie.
„Cool, Muschgl! Du hast was gut bei mir.“
„Ach noa. Hoaschde Geld hebb isch Kundschaft.“
Hinter mir ging die Schlafzimmertür.
„Okay, Muschgl, ich muss Schluss machen.“
„In Ordnung bis doann.“
Ich legte auf.
Lena taumelte verschlafen auf mich zu und schob sich an mir vorbei ins Badezimmer. Sie war ein Morgenmuffel – also genau genommen ein Vormittagsmuffel – perfekt.
Gar nicht perfekt, grummelte eine andere Stimme in mir, die sich nicht zärtlich an die letzte Nacht erinnerte, sondern, wie ein Soldat die Bauteile seiner Waffe, von mir verlangte, die Informationen der letzten Stunden vor mir zu sortierten, die mir dazu helfen würden, in den Besitz der 400000 DM zu kommen.
Perfekt, behauptete sie, sind die Infos von Muschgl. Perfekt wäre, wenn du ein Nachtsichtgerät hättest, um den Parkplatz auszuspähen. Du solltest Muschgl danach fragen, um die perfekte -.
Lena kam aus dem Badezimmer.
Sie sah aus, als hätte sie sich das Gesicht mit kaltem Wasser frisch gemacht. Eine Strähne ihrer blonden Locken hing ihr feucht in die Stirn. Ihre blauen Augen strahlten mich an, wie Himmel.
„Hast du was zu frühstücken?“
„Müsli“, ich dachte kurz nach, „also Kellogs. Ich brauche morgens was Süßes.“
„Ist okay. Ich hol mir, aus deinem Kleiderschrank, was zum drüberziehen.“
„Ja. Ich geh schon mal den Tisch richten.“
Lena gab mir einen Kuss und lief in Richtung meines Schlafzimmers.
Der Schuhkarton! Es traf mich, wie ein Schlag. Wo hatte ich ihn hingestellt? Einfach nur in den Schrank oder oben ins Regal?
In meinem Schlafzimmer knackte es.
„O!“ Hörte ich Lena rufen.
Ich sah sie vor mir. Sie hatte an der rechten Schranktür gezogen und hielt jetzt den abgerutschten Knauf in der Hand. Ich musste mich beeilen.
„Lena! Warte kurz. Ich helfe dir.“
Als ich ins Schlafzimmer kam, hielt sie mir den Schrankknauf entgegen.
„Der ist einfach abgerutscht.“
„Ja, das passiert immer. Geh du doch in die Küche, ich hol dir -.“
„Ein Hemd.“
„Okay, ein Hemd.“
Ich fummelte umständlich den Knopf an die Schranktür, bis sie aus meinem Schlafzimmer war und atmete durch. Das war knapp. Ich öffnete den Schrank, wie vorgesehen und nahm ihr eines meiner wenigen Hemden heraus.
Als ich in die Küche kam, war der Tisch schon gedeckt. Sie hatte irgendwo noch eine Avocado gefunden und etwas Toastbrot.
„Was dagegen, wenn ich mir die Avocado mit Salz und Pfeffer mache?“
„Nein, mach ruhig. Soll ich Kaffee machen?“
„Hast du Tee?“
„Was für Tee?“
„Grüntee.“
„Meinst du Pfefferminz?“
Sie lächelte und winkte ab.
„Ja, mach Pfefferminz. Ich glaube, über Tee muss ich dir noch etwas erklären. Musst du eigentlich morgen arbeiten?“

06/20 PGF

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