Frankfurt 95 (10)

10.

Lenas Frage machte mir bewusst, dass ich in ihrer Gegenwart, eine normale Arbeitswoche simulieren musste, auch, wenn ich die seit Jahren nicht kannte. Also erzählte ich ihr, als es Sonntagabend wurde, ich müsse am Montag früh, zu einem Meeting und sie möge es mir nicht übelnehmen, wenn ich diesen Abend noch für mich bräuchte.
„Gar kein Problem.“ Erklärte sie. „Ich muss mich für die Woche auch noch vorbereiten.“
„Was studierst du eigentlich?“
„Psychologie“, sie grinste verschmitzt, „Schwerpunkt Forensik.“
Ich wippte anerkennend mit dem Kopf.
„Dann erforschst du ja die dunklen Abgründe.“
„Die allerdunkelsten.“ Ergänzte sie.
Nachdem sie weg war, blieb ich nicht lange wach. Ich wollte für den nächsten Tag ausgeruht sein. Aber gegen drei wurde ich wach und verbrachte, eine schlaflose Stunde mit Sehnsucht nach Lena und Skizzen zu Operation Parkplatz.
Mein Meeting, am Morgen, mit Muschgl war kurz. Schwerpunkt unseres Meetings war die Beschaffung eines Nachtsichtgerätes. Er empfahl mir einen Typ namens Flashback, mit dem Hinweis: „Bei dem muschde uffbasse, der is nedd goanz sauwer.“
Muschgls Empfehlung bewohnte eine Erdgeschosswohnung im Westend, die zu einer Gruppe besetzter Häuser in der Straße gehörte.
Man warf mir kritische Blicke zu, als ich mich dem Eingang näherte, aber mein Hinweis auf Muschgl, als Referenz, sorgte für Entspannung.
„Wo willst du hin?“ Fragte mich ein Punk mit grünem Iro, der zwei Sicherheitsnadeln auf sehr groteske Art in seinen Nasenflügeln präpariert hatte.
„Zu Flashback.“
„Ah! Flashi. Der wohnt gleich unten im Erdgeschoss.“
Ich stakste durch einen vermüllten Hauseingang und trat durch eine offene Tür auf der rechten Seite. Es stank nach Alkohol und Urin und über den Boden verstreut lagen – ich schätzte nur – hundert leere Flaschen Jack Daniels.
Ich wollte gerade rufen: „Ist da jemand?“
Als ein hagerer, groß gewachsener Kerl mit hohem Lockenkopf und dunklen Augenringen, aus einem Nebenraum schoss, der sich später, als Küche herausstellen sollte. In der Hand hielt er ein großes Messer.
„Du!“ Raunte er mich an und fuchtelte mit dem Messer in meine Richtung.
„Ich will zu Flashback. Bis du das?“
„Wer will das wissen?“ Er klang so, als könnte er blitzartig hysterisch werden.
„Ein Freund von Muschgl.“
„Und was willst du von mir?“
Hatte ich doch richtig vermutet.
„Ich brauche ein Nachtsichtgerät.“
Er winkte mich mit dem Messer zu sich.
„Komm.“
Ich folgte ihm in den Raum, der nach sehr vagen Kriterien, als Küche bezeichnet werden konnte.
Wir setzten uns auf zwei Campingstühle die dort standen, an einen Campingtisch, auf dem drei Flaschen Jack Daniels standen.
Flashback setzte sich und trank einen gewaltigen Schluck aus einer der Flaschen.
„Hast du Geld?“
Ich sah irritiert nach den Flaschen.
„Ja, habe ich. Hast du das Teil hier?“
Er sah mich groß an.
„Natürlich nicht. Ist im Wald versteckt.“
Er nahm wieder eine Flasche, eine andere und trank erneut einen großen Schluck. Er merkte, dass meine Augen ihm folgten.
„Was guckst du?“
„Für die Uhrzeit, ziehst du ganz schön was weg.“
„Ist gegen die Flashbacks. Ich hab´ mir mit 19, im „Omen“ eine Pille eingeschmissen und seitdem – hörst du die Stimmen?“
Er sah sich hektisch um.
„Öhm – nein.“
„Ist auch egal. Seitdem“ er klopfte sich mit dem Zeigefinger an die Schläfe, „geht es da drin ab und zu rund. Wenn ich genug Jacky, als Gegenmittel konsumiere, geht es. Da spielt doch jemand Orgel.“
Er sah zur Decke und schien dort etwas zu entdecken, was ihn beunruhigte. Ich entdeckte nur herabhängende Tapetenfetzen.
Er starrte mich an.
„Keine Orgel?“
„Nein. Wegen dem Teil.“
Er nickte angestrengt, als könne es ihn retten, sich auf meinen Auftrag zu konzentrieren.
„Ist im Schwanheimer vergraben.“
„Können wir es holen?“
„Klar, ich trink nur noch einen Schluck.“

06/20 PGF

8 Kommentare

    1. Hallo Matthias, erstmal: schön, dich mal wieder zu lesen!

      Das hat beides seinen Charme. Wenn schon „Ende“ unter der Geschichte stünde, wäre für mich antizyklisch spannend. So wird es dann eher „explorierend“.
      Chronologisch ist, für den Lesefluss am sinnigsten. Mit dem Hinweis, dass ich in Kapitel 1 noch nicht wusste, wo ich bei Kapitel 10 lande. Die Charakterentwicklung hakt etwas, wenn man 1 und 10 nebeneinander liest.

      Alle Geschichten, die ich hier veröffentlicht habe, durchliefen nicht mehr als zwei Überarbeitungen, halten also dem kritisch-prüfenden Blick nicht stand.
      Da ich das hier, als Bloggery Slam betreibe, kann ich damit leben 😉

      Hab einen schönen Abend

      Peter

      Gefällt 2 Personen

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