Frankfurt 95 (11)


11.

Fünf Stunden später war ich froh, noch am Leben zu sein. Wir waren zwei Stunden unterwegs bis zum Schwanheimerwald, dann eine Stunde, um die Stelle zu finden, an der das Nachtsichtgerät vergraben war und dann zwei Stunden zurück.
Während wir im Wald unterwegs waren, rechnete ich jeden Augenblick damit, dass sich „Flashi“ auf mich stürzte. Ich sah ihn vor mir, das Küchenmesser in der Hand, mit dem Satz auf den Lippen: „Du hättest mir nicht in den Wald folgen sollen.“ Aber außer, dass er völlig verballert war, war Flashback harmlos.
„Dort!“ Sagte er irgendwann. „Bei der Buche, da ist es.“
Ich sah nur Bäume, aber an einer Stelle stand ein Laubbaum, in mitten von Nadelbäumen, so viel konnte ich erkennen.
Flashback zog einen Klappspaten aus dem Rucksack, den er dabeihatte und begann eine Metallkiste freizugraben, die etwa 50 Zentimeter unter der Erde, „östlich vom Baum“, wie er mir erklärte, vergraben war.
Während er grub, versorgte er sich aus einem Flachmann, mit seinem Gegenmittel.
Als die Kiste frei lag, verkündete er stolz: „So hat die RAF ihre Waffen vergraben. Cool oder?“
Ich sagte: „Na ja.“ Und lies es dabei.
In der Kiste war noch mehr militärisches Material: Tarnkleidung, Wasserflaschen, ein Zelt, Messer, eine Waffe, ich glaubte, eine Granate zu sehen, aber er ließ mich nur das Nachtsichtgerät gut erkennen.
„Hier.“ Er hielt es mir hin. „Sind das Wölfe?“ Er sah sich irritiert um.
Ich war versucht „Ja“ zu sagen, hatte aber Mitleid, mit dem Kerl, der seinen Flug in den Kosmos, sein Leben lang nicht mehr beenden würde.
„Nein, alles ruhig.“ Ich zog ein Bündel Geldscheine aus der Tasche. „Hier deine Kohle.“
Das schien ihn zu erden.
„Ach ja, hätte ich fast vergessen.“
Er schnappte sich das Geld und begann die Kiste wieder zu vergraben. Er schwitzte übertrieben, seine Haare waren nass und glatt, als hätte er geduscht, aber er ließ sich nicht helfen.
„Wegen den Kobolden, die die Kiste beschützen“, ließ er mich wissen.
Zurück im Westend trennten wir uns. Es war Nachmittag. Mit brummte der Kopf, ich hatte Hunger und fühlte mich unglaublich müde.
Ein Gedanke setzte mir zu, seit der Rückfahrt: Wenn ich das Ding morgen oder Übermorgen drehte, dann war ab dem Folgetag mein Leben in Frankfurt beendet. Ein Vorgang der mich, mehr als ein Jahrzehnt nicht beschäftigt hatte. Aber diesmal war anders. Diesmal würde gehen bedeuten Lena zurückzulassen. Ich konnte ihr unmöglich erklären, warum ich plötzlich in Bremerhaven lebte – von München war ich abgekommen, zu hohe Lebenskosten. Wenn ich das Geld hatte, würde ich mich in den nächsten Zug setzen und losfahren. Ich würde ein, zwei Tage in einem Hotel wohnen, bis ich eine Unterkunft fand. Dann konnte ich mich für die nächsten zehn Jahre mit den 400000 zur Ruhe setzen.
Ob das mit dem vernünftig werden losging? Ich war 30. Vielleicht gab es so ein Bioprogramm, dass mich zum Verlieben, Lieben, Fortpflanzen trieb. So wie man mit 6 Monaten Stehen, mit 12 Gehen und mit 24 Sprechen lernen wollte. Vielleicht spulten wir nur diese Programme ab und unsere gesamte Individualität war ein eitler Scheißhaufen.
Als ich nach Hause kam, blinkte das Licht meines Anrufbeantworters. Ich drückte auf Wiedergabe und hörte Lenas vergnügte Stimme: „Also, wenn dir langweilig ist … ich hätte Zeit heute Abend – Bieeeb!“
Ich dachte: Donnerstag! Das war irgendwie zu kurz. Nicht, dass ich mir eine Zukunft oder Kinder oder so einen Schrott, mit Lena hätte vorstellen können, aber ich war noch nicht satt. Wie mit einer Tafel Schokolade oder einer Tüte Chips von der man nur zwei Stücke erhält: genug um Lust zu bekommen, zu wenig um satt daran zu werden.
Ich nahm den Hörer ab, unentschlossen, ob ich sie anrufen sollte.

06/20 PGF

5 Kommentare

  1. Tja, ein spannender Moment, um innezuhalten 😉
    Die spröde Art dieses Herrn fühlt sich wie die zu harte Haut einer Frucht an, fast schon kratzig.
    Auf jeden Fall möchte ich wissen wie es weiter geht.
    So ein kleines Häppchen jeden Abend hat was.
    Gemütlichen Abend, Peter!

    Gefällt 4 Personen

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  2. Ich bin fasziniert von deiner Schreibkunst…. es ist und bleibt – auch in dieser Geschichte – absolut spannend. Herzlichen Dank für die allabendliche Unterhaltung, die für mich schon zu einem kleinen Ritual geworden ist, aufgrund der tollen Texte! 🙂

    Gefällt 3 Personen

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