Frankfurt 95 (12)

12.

Wir waren auf dem Rückweg von Gräfenhausen und ich schämte mich, dass mein Plan aufzugehen schien.
Ich hatte Lena in ein Nobellokal zum Essen eingeladen und sie hatte sich riesig über mein Angebot gefreut. Ich reservierte uns einen Tisch, mietete einen Wagen und holte sie um kurz vor sieben bei ihr zu Hause ab.
Wir plauderten entspannt über Gott und die Welt während wir Frankfurt nach Süden verließen und bis hierhin war mein Plan noch unschuldig. Wir überquerten den Main und kamen am Flughafen vorbei, wo sich, trotz sechs Spuren, der Verkehr in beide Richtungen verdichtete. Dann wurde es wieder besser.
Das Essen war vorzüglich und die Stimmung zwischen uns vertraut, als wären wir nicht ein Paar, welches die ersten drei glücklichen Tage hinter sich hat, sondern zwei vertraute Menschen, die sich in- und auswendig kennen.
Gegen 22.00 Uhr verließen wir die Gaststätte und machten uns auf den Weg zurück nach Frankfurt. Ich fuhr und Lena genoss, neben mir die Fahrt in die Nacht. Aus dem Radio unterhielt uns WDR 3 und ich wippte mit dem Zeigefinger auf dem Lenkrad zum Takt der Musik.
Dann erschien vor uns, die Raststätte Gräfenhausen West. Die größte Autobahnraststätte südlich von Frankfurt.
Es lag jetzt bei mir, meinen Plan zu vollenden, durch den ich noch einen schönen Abend mit Lena verbringen konnte und gleichzeitig den Ort ausspähen, an dem ich, an einem der beiden nächsten Tage, meine Operation Parkplatz durchführen wollte.
„Können wir noch kurz auf dem Rastplatz halten?“ Fragte ich beiläufig und setzte den Blinker schon, ehe Lena antworten konnte.
„Musst du austreten?“
Ich warf ihr einen verschwörerischen Blick zu.
„Lass dich überraschen.“
Ich nahm die Ausfahrt und eine große Shell-Tankstelle mit zwei Dutzend Tanksäulen, die hell ausgeleuchtet war, kam in unser Blickfeld. Dahinter zeichnete sich die Silhouette der Gaststätte ab. Ich drosselte die Geschwindigkeit und bemühte mich, mir schnell einen Überblick über die Umgebung zu verschaffen.
Per Schilder wurden die ankommenden Fahrzeuge in zwei Richtungen gelenkt. Einmal für PKWs und einmal für LKWs. Ich folgte den Schildern zu den Parkplätzen für Personenfahrzeuge.
Es waren gewiss 100 Stellplätze, die in Reihen vor uns erschienen. Die meisten von Laternen gut ausgeleuchtet. Aber am Rand des Parkplatzes lag, eine Reihe, außerhalb der Lichtkegel. Sie grenzte an einen Grasstreifen der durch einen hohen Maschendrahtzaun vom Waldsaum getrennt lag, der dahinter verlief.
„Was hast du vor?“ Fragte Lena und ich hörte die Aufregung in ihrer Stimme.
Ich parkte in einer der Parkbuchten und sah nach rechts und links. Ein perfekter Platz für eine Übergabe. Selten würde hier jemand parken, weil der Fußweg zur Raststätte am längsten war. Und wer hier parkte, musste sich kaum mit dem umliegenden Trubel und dem Licht beschäftigen, weil sich hier vermutlich nur Stricher und ihre Freier, Fremdgeher und Waffenhändler zur Kofferübergabe aufhielten. Dunkle Gestalten unter sich.
Ob mir dieser Eindruck, für die beiden nächsten Tage genügte, war mir nicht klar. Aber, wenn ich morgen etwas früher hier war, konnte ich mir eine Strategie überlegen. Jetzt hatte ich einen ausreichenden Ersteindruck und darum war es gegangen.
Ich schaltete den Motor ab.
„Was?“ Wollte Lena fragen.
Ich fasste zärtlich ihren Arm und zog sie zu mir. Sie verstand, was ich wollte und setzte sich auf mich. Sie küsste mich. Ich lauschte ihrem Atem und genoss ihre Erregung, die sich mit jedem Scheinwerferlicht, welches über das Rückfenster huschte, steigerte.
Ich genoss ihre Nähe, zum letzten Mal.

06/20 PGF

12 Kommentare

      1. Oh – ich glaube, ich muss da etwas nacharbeiten. Bis gerade sah ich jegliche Art von Lektüre irgendwie als eine Art von ‚Geschichte‘ an. Aber da liege ich wohl falsch 🙂
        Dennoch bin ich sehr gespannt, was da noch so auf den Leser zu kommt!
        Das ‚Uff‘ war zwar als positive Resonanz im Sinne von Spannung bezogen, überwiegend aber auf den letzten Satz gemünzt….das lässt viel Raum für…… ?!

        Gefällt 2 Personen

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