Frankfurt 95 (13)

13.

Ich schreckte hoch und starrte auf die Uhr: Es war drei Uhr nachts. Mein Herz klopfte wild, aber ich konnte mich nicht erinnern geträumt zu haben. Meine Gedanken waren kristallklar, als wäre helllichter Tag: Ich musste Frankfurt und Lena nicht zurücklassen! Wenn ich klug war und alles gut machte, gab es keinen Grund, diesmal, wie die letzten Male alles hinter mir zu lassen. Weil die, die ich bestahl, nicht zur Polizei rennen würde, um einen Diebstahl zu melden. Ich bestahl Verbrecher. Das würde am nächsten Tag nicht in der Zeitung stehen. Es gab nur eine Sache zu bedenken: Wie gefährlich waren Waffenhändler? Barschel in der Badewanne fiel mir ein.
Okay, dafür würde ich mir etwas überlegen müssen. Aber gesetzt, dass ich unentdeckt den Koffer bekam, konnte ich damit zurück in meine Wohnung, um mich einige Tage bedeckt zu halten. Wenn es nicht rumpelte, konnte ich mir nach und nach eine bürgerliche Existenz aufbauen. Irgendjemand würde mir schon Arbeit geben und ich konnte Lena erzählen, mehr habe ich nicht und ein kleines Erbe würde mir das Leben versüßen.
Perfekt!
Eigentlich perfekt, wenn ich bereit war zu akzeptieren, dass ich sie ein Leben lang würde belügen müssen. Es gab kein: Irgendwann erkläre ich ihr alles, weil es das Herz eines Menschen zerriss, wenn er merkte, dass er um die Wahrheit betrogen worden war. Es gab nur zwei Möglichkeiten: Ihr jetzt alles zu erzählen: No way! Oder für immer zu schweigen (bis der Tod uns scheidet). Wenn ich dazu bereit war, musste ich Lena nur zwei Tage nicht sehen und war anschließend, den Rest meines Lebens mit ihr glücklich.
Allerdings – irgendetwas, wie ein Gewissen, schien ich zu besitzen. Nach unserem kleinen Tete-a-Tete auf dem Parkplatz der Raststätte hatte ich mich elend gefühlt. Lena hatte sich mir ganz hingegeben. Ich hatte ihre Wärme und Zuneigung gespürt und, dass für sie eine kleine Parkplatznummer schon etwas absolut Verwegenes war, dass sie erregte, während ich, mit nüchternem Kalkül, das Umfeld rechts und links ausspähte, um meinen Plan umsetzen zu können. Das einzige was ich mir zu Gute halten konnte war: dass ich mich anschließend dafür schämte.
Ich legte mich zurück ins Bett und drehte mich auf den Rücken. „Du musst schlafen“, befahl mir die Stimme, die für den Abend fit genug sein wollte, um, wenn sich die Gelegenheit ergab, einen Raub durchzuführen. „Du musst nachdenken“ befahl die Stimme, die nicht davon abzubringen war, mich zu einem vernünftigen Leben überreden zu wollen.
Lenas Lächeln tauchte vor mir auf.
Vergiss es, dachte ich. Wie lange wird das gut gehen? Drei Monate? Vier Jahre? Das ist nur der Schein der Seelenverwandtschaft, nüchtern betrachtet bin ich ein Krimineller ohne Perspektive und sie eine Akademikerin mit Zukunft. Wenn es nur um das Fühlen gehen würde, um das unbedingte Lieben, dann wäre vielleicht eine pappsüße Lovestory möglich. Aber irgendwann wird sie erfahren, wer ich wirklich bin und sie wird das nicht lieben.
Mit trockenem Mund betrachtete ich mein determiniertes Leben: da war nichts mehr rückgängig zu machen. In den Kreis meiner zukünftigen Lebensgefährtinnen gehörten Ex-Prostituierte, trockene Trinkerinnen, ausrangierte Schlammcatcherinnen, gescheitere Existenzen, wie ich sie führte. Lena war zu rein, da war zu viel Licht, zu viel ganz naives Lebensglück, welches die Abgründe der menschlichen Seele unter dem Mikroskop eines Studiums erforschte, sie aber niemals in sich selbst fand.
Für mich gab es eigentlich nur noch zwei Optionen: ein neues Verbrechen begehen, um mir noch ein Jahrzehnt zu schenken oder mein Leben beenden. Ein Leben mit Lena, war blanke Illusion.
Ich starrte an die Decke und fühlte mich leer und einsam. Ich fühlte mich, wie ein Soldat, der um seine Kriegsverbrechen weiß. Mir waren meine Sünden nie bewusst geworden, sie wurden es erst im Kontrast zu Lena, die nicht wusste, wenn sie da lieben und vielleicht retten wollte.
Ich weiß nicht, wie lange ich noch wach lag. Als ich die Augen aufschlug, brannte helles Tageslicht in mein Schlafzimmer.
Draußen klingelte jemand Sturm.

06/20 PGF

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