Frankfurt 95 (14)

14.

Es war der Mann von der Post, der mir meine Bestellung von Otto zustellen wollte. Ich hatte ganz vergessen, dass ich letzte Woche, aus dem Katalog Kleider bestellt hatte. Ich mied Geschäfte und die angestrengte Freundlichkeit der Verkäufer; und wünschte mir eine Welt in der man alles zu sich nach Hause liefern lassen konnte.
Ich nahm das Paket, welches drei Paar Jeans und ein halbes Dutzend Polo-Hemden enthielt und schleppte es ins Wohnzimmer. Die Uhr zeigte mir bereits nach halb 11 an.
Du musst irgendwie runterkommen, sagte ich mir. Sei noch ein paar Tage mit Lena glücklich, dreh ein anderes Ding, zähl noch mal die Kohle nach, geh einfach irgendwo arbeiten, hämmerte ich mir in den Sinn. 400000, 40000 Jahresgehalt, 10 Jahre Ruhe, war das Echo. Ein nüchternes, unromantisches Echo mit dem Gesicht von Jürgen von der Lippe, der mich fragte: „Geld oder Liebe“ und dabei ein Schild in der Hand drehte, auf dem auf einer Seite „Geld“ auf der anderen „Liebe“ stand.
Schritt für Schritt, befahl ich mir. Dusche, Kaffee, Meeting mit Muschgl, Check Glock, Check Nachtsichtgerät, Transport zur Raststätte organisieren, auf die Lauer legen und ganz spontan entscheiden, ob die Glock in Aktion trat oder nicht.
Ich war frei! Wenn ich wollte, konnte ich die ganze Nacht, im Wald neben diesem Parkplatz liegen und tun und lassen was ich wollte. Ich konnte alles vorbereiten und es doch lassen. Das war ja genau der Grund, warum ich lebte, wie ich es tat, weil ich zu jedem Zeitpunkt frei sein wollte, um mich für oder gegen etwas zu entscheiden. In Zwiespalt brachten mich ja nur diese sentimentalen Gefühlsduseleien für Lena. Damit war Werther schon nicht weit gekommen und Bob Marley hatte es in der Zeile vollendet: „No women, no cry!“
Mein Telefon klingelte.
Ich trabte zum Hörer und nahm ab. Es war Lena.
Sie klang zärtlich.
„Hi! Wollte fragen, ob du noch so einen schönen Abend, wie gestern, auf Lager hast?“
Ich schwieg in den Hörer. Sie musste denken, ich bin schizophren, mit meinen ständigen Stimmungswechseln, aber ich konnte ihr auch nicht erklären was los war.
„Ach – ähm – Lena – ähm – weißt du: heute ist schlecht“, brachte ich schließlich hervor. „Ich muss nochmal los, wegen der Arbeit und könnte ziemlich erschöpft sein.“
„Du hast mir noch immer nicht gesagt, was du arbeitest.“
„Ist kompliziert“, log ich. „Es sind wechselnde Projekte.“
„Also du musst auch nicht. Ich will mich nicht aufdrängen. Wenn es dir lieber ist, melde du dich, dass nächste Mal.“
Ich hörte, dass sie nachdachte, ob sie das nächste sagen sollte.
„Ich bin so, wenn ich jemand mag, dann zeige ich es. Manche Männer scheint das zu langweilen.“
Scheiße, ärgerte ich mich, ich verletzte sie egal was ich tat. Ich musste entscheiden!
„Nein, Lena du langweilst mich gar nicht. Es ist total schön mit dir. Ich habe nur noch ein paar Sachen zu regeln. Gib mir zwei Tage, dann habe ich den Kopf wieder frei. Ist das okay für dich?“
Sie zögerte.
Ich sah sie vor mir: erst wurde ihr Gesicht ernst, sie dachte über meine Worte nach, dann lauschte sie, was ihr Bauch ihr sagte, schloss kurz die Augen und sagte entweder mit einem Lächeln: „Okay.“ Oder blieb ernst und sagte: „Nein, so wird das nichts.“
Ich wartete.
„Nein“, sagte sie und legte eine kleine Pause ein, „das ist kein Problem. Melde dich, wenn du Zeit hast.“
Ich atmete durch.
„Das mache ich, vertrau mir.“
Wir legten auf.
Mein Kopf war jetzt klar.
Ich ging in meine Schlafzimmer, nahm meinen schwarzen Rucksack aus dem Schrank und packte die Glock und das Nachtsichtgerät hinein. Aus dem Paket von Otto nahm ich eine schwarze Jeans und einen schwarzen Sweater und zog sie an.
Dem DB-Planer entnahm ich, eine günstige Verbindung von meinem Zuhause bis zum Frankfurter Flughafen, von dort würde ich die S-Bahn bis Mörfelden nehmen. Ab dort war es, eine knappe Stunde zu Fuß bis zur Raststätte.
Mein Ziel war es bis 19.00 in Gräfenhausen zu sein. Ich würde mich, in dem Waldstück neben dem Parkplatz auf die Lauer legen und warten was geschieht.
Vielleicht hatte ich ja Glück und der Deal lief ab, ohne dass ich ihn bemerkte oder es gab ihn gar nicht.
Dann hatte ich Zeit, mir alles in Ruhe zu überlegen. Ich war die letzten Tage viel zu sicher gewesen, mit einem sicheren Ding zu rechnen, aber mehr, als einen vagen Treffpunkt und einen vagen Zeitraum hatte ich nicht.
Cool, dachte ich, es ist gar nichts entschieden.

06/20 PGF

2 Kommentare

  1. Tja… Alles offen… Dieser Teil trägt eine freiheitliche Stimmung, die gefällt mir. Trotzdem oder gerade deswegen entsteht eine gespannte Neugier: Wer bzw. wie wird der Fortgang beeinflusst… Zufall? Er trifft eine bewusste Entscheidung? Er lässt es laufen und das Leben entscheidet für ihn? 😉

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