Frankfurt 95 (15)

15.

Ärgerlicherweise begann es zu tröpfeln, während ich von der Haltestelle in Mörfelden, in Richtung Raststätte Gräfenhausen losmarschierte. Ich zog eine Regenjacke über und trottet aus Mörfelden hinaus und kümmerte mich nicht, um die industrialisierte Landschaft, um mich herum.
Die Felder lagen grün und um jede Eigenart gebracht von asphaltierten Feldwegen zerschnitten, im trüben Niederschlag. Statt Vögeln waren die nahe A5 zu hören und die startenden und landenden Maschinen des Frankfurter Flughafens.
Nach einem Betonwerk, kam ich, durch ein kleines Waldstück, am Bornbruchsee vorbei, der im grauen Abendlicht lag und folgte dann, durch den anschließenden Wald solange den Wegen nach Süden und Osten bis ich einen Feldweg parallel zur Autobahn fand, der zu einer Autobahnbrücke führte, über die ich hinüber auf die Ostseite der Raststätte wechseln konnte, wo sich jener Parkplatz fand, auf dem die Kofferübergabe stattfinden sollte.
Als ich mein Ziel erreichte, machte ich mich daran mir ein Lager in dem kleinen Waldstück zu schaffen, welches sich neben dem Parkplatz befand. Das war nicht ganz einfach, nicht wenige Reisende nutzen das kleine Waldstück, als Toilettenhäuschen. Es dauerte eine Weile, einen Platz zu finden, der nicht von Uringeruch und gebrauchtem Toilettenpapier übersät war. Immerhin wusste ich so, dass es einen Durchgang im Maschendrahtzaun geben musste, durch den die Toilettengänger vom Parkplatz hier hergelangt waren.
Auf einem Stück weitgehend sauberen Boden, legte ich einen Teil Isoliermatte, welches ich mir aus einer großen Matte zurechtgeschnitten hatte, hängte meinen Rucksack an einen Ast daneben und brachte die Glock und das Nachtsichtgerät in Position. Ich war früh, es war gerade halb acht und ich rechnete nicht damit, dass die Übergabe demnächst von Statten ging.
Damit lag ich richtig. Bis kurz nach halb zehn, also bis die Sonne unterging, geschah nichts. Ich langweilte mich, dachte an Lena, freute mich, dass niemand kam und mich das Schicksal vielleicht gar nicht in Versuchung führte.
Die ersten zwei Fahrzeuge, die sich in den hinteren Bereich des Parkplatzes verirrten, waren ein Ford Fiesta und ein VW Golf. Aus dem Inneren der Autos hämmerte Heavy Metal, der lauter wurde, als die Autos standen und die Türen sich öffneten. Mit den Jugendlichen, die ausstiegen, entleerte sich eine dichte Wolke von Cannabis, die ich bis zu mir riechen konnte. Vielleicht hatten die Jungs zu viele „Cheech und Chong“ Filme gesehen, jedenfalls war die Menge an weißem Rauch, die mit ihnen ausstieg beachtlich. Bierdosen wurden geöffnet und die, die nicht austraten, prosteten sich zu, damit die Phase ohne Gras mit Hopfen überbrückt werden konnte.
Ja die Jugend, dachte ich, schön ist sie.
Der Krawall dauerte etwa zehn Minuten, dann wurde es wieder still.
Die nächsten zwei Stunden folgte ein reger Wechsel sehr unterschiedlicher Besucher. Einen großen Teil bildeten Nutten und Stricher, die mit ihren Freiern hielten, ihre Arbeit verrichteten, ihr Geld dafür bekamen und wieder abrauschten. Dazwischen lagerten sich Junkies, die sich benadelten. Nicht selten eine der Nutten, die sich dafür zuvor das Geld beschafft hatte.
Ins Auge fiel mir ein älteres Ehepaar, in einem alten Mercedes, bei dem ich dachte, dass die versehentlich auf dem, für sie, falschen Parkplatz gelandet waren. Aber ich irrte mich. Die beiden, die ich nur kurz im Licht der Innenbeleuchtung erkannte und dann durch mein Nachtsichtgerät, waren zum Spannen gekommen. Der Mercedes stand über eine Stunde, in der Mitte des Parkplatzes, wo man gut nach rechts und links sehen konnte. Ich beobachtete, die grün eingefärbten Köpfe der beiden Alten, die nach rechts und links, geduckt aus den Seitenfenstern beobachteten, was sich, neben ihnen in den Autos, abspielte.
Auf dem Parkplatz hielt auch eine nicht geringe Zahl von Paaren, die aus irgendeinem Grund, ihr Verhältnis nicht zu Hause oder in der Öffentlichkeit pflegen konnte. Eine schnelle Autonummer, wie ich sie mit Lena hatte, war nicht die Ausnahme.
Oma und Opa, sahen hier kostenfrei einen Live-Porno, die halbe Nacht. Mit einem etwas angewiderten Gefühl, fragte ich mich, ob sie mir und Lena auch zugesehen hatten.
Was sie wohl, von den vielen schwulen Männern hielten, die, für ihre Treffen, ebenfalls diese Parkplatzecke nutzten?
Auch, wenn die Neigung der Schwulen, nichts für mich war – dazu liebte ich zu sehr, den weichen, rundlichen, weiblichen Körper – es tat mir Leid für die Jungs, dass sie ihre Zuneigung in einer dunklen Parkplatzecke ausleben mussten. Na ja, vielleicht würden irgendwann andere Zeiten kommen.
Mit solchen Beobachtungen beschäftigt, bemerkte ich gar nicht, wie die Zeit verging. Erst, als erneut Nieselregen einsetzte und es merklich kühler wurde, sah ich wieder auf die Uhr. Es war drei Uhr und der Parkplatz mittlerweile wie ausgestorben. Jetzt war, mit einer unauffälligen Übergabe, nicht zu rechnen. Selbst diese dunkle Ecke bildete eine leicht übersehbare Fläche.
Ich wartete trotzdem noch bis um Vier. Dann packte ich meine Sache und lief hinüber zu den Parkplätzen für die LKWs. Dort war ein Fahrer gerade dabei, seinen Arbeitstag zu beginnen. Ein freundlicher, dicker Pole, der nichts dagegen hatte, mich bis Frankfurt mitzunehmen.
Wenn auch erfolglos geblieben, war ich bester Laune. Ich summte „Nothing else matters“ was ich vermutlich aus einem der Autos der Metal-Fans aufgeschnappt hatte und freute mich auf mein Bett. Vielleicht war ja so ein geregeltes Leben, mit Arbeitszeiten, an deren Ende man sich auf den Feierabend freute, doch nicht so schlecht?

06/20 PGF

Ein Kommentar

  1. Haha, sieht nach einer vorersten Zwischenlösung aus. Ich darf mich also freuen auf den nächsten Teil. Ich habe gern gelesen, hat Spaß gemacht, war interessant und abwechslungsreich.

    Ich wünsch dir einen guten frohen Wochenstart morgen!

    LG
    Marion

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