Frankfurt 95 (16)

16.

Ich schlief bis um 14.00 Uhr und dachte, als ich wach wurde: so muss sich Montag anfühlen. Ich war nicht wirklich bereit, für den nächsten Arbeitseinsatz am Abend. Wie jedem Erwerbstätigen blieb aber auch mir keine Wahl. Also quälte ich mich aus dem Bett, versuchte mit drei Tassen Kaffee Herr über meine Müdigkeit zu werden und beschäftigte mich nebenbei mit dem, was mir für den Tag bevorstand.
Auf dem Weg zur Toilette fiel mir, auf das die Lampe des Anrufbeantworters blinkte.
Ich drückte Wiedergabe und hörte Muschgl:
„Alles klar bei dehr? Hots geklappt? Melde disch mol! Ich mach mer Soje.“
Ich drückte Löschen. Falls irgendetwas schief ging, sollte die Polizei nicht auf meinem Anrufbeantworter Hinweise finden, dass Muschgl damit zu tun hatte.
Im Bad angekommen rasierte ich mich, duschte und föhnte mir anschließend kurz die Haare. Es war warm genug, dass sie an der Luft trockenen konnten.
Da ich kaum etwas zu essen hatte, fuhr ich mit der S-Bahn noch kurz in die Innenstadt, aß hastig einen Döner und bemerkte beim Blick auf die Uhr, dass es bald 17.00 Uhr war.
Für den Weg zur Raststätte wählte ich den gleichen Weg, wie am Vortag. Mit Umstiegen und einem etwas langsameren Gangtempo schaffte ich es, um kurz vor acht in Gräfenhausen zu sein.
Mein Plätzchen vom Vortag war noch nicht verunreinigt worden und ich war froh, unter möglichst gleichen Voraussetzungen die Mission Parkplatz abschließen zu können.
Es war heute eine alles-oder-nichts-Veranstaltung. Entweder Muschgls Informationen stimmten, dann würde die Übergabe heute von Statten gehen oder sie waren ungenau oder falsch, dann musste ich mich entscheiden, ob ich die nächsten Wochen jeden Abend hierherkam oder aufgab. Natürlich war auch nicht ausgeschlossen, dass ich mich für die falsche Raststätte entschieden hatte.
Eine seltsame Gleichgültigkeit ergriff mich. Sie ist für jeden Menschen gleich, der sich unbewusst auf sein Schicksal vorbereitet. „Amor Fati!“ Hatte Nietzsche gerufen und in diesen Minuten verstand ich, fühlte ich was er meinte „Mach mit mir was du willst, Leben!“
Ich wartete, mit leicht veränderter Besetzung und leicht veränderter Kostümierung wiederholten sich die Szenen vom Vortag. Fußballfans statt Metalfans, blonde Nutten statt schwarzhaarigen, alte Stricher statt junger. Mir schwang Miss Sofie im Ohr: „The same procedere as every year, James.“
Ich drohte ein wenig gelangweilt abzudriften, je dunkler es wurde. Der Döner lag mir schwer im Magen und ich musste von der Knoblauchsauce mehrfach trocken aufstoßen. Ich war müde und gar nicht mehr recht bei der Sache, als ein dicker Benz vorfuhr. Er hielt seitlich auf dem Parkplatz, so dass neben ihm, noch ein Auto zum Stehen kommen konnte. Ich dachte an Porno-Opa und seine Frau, aber das war ein neuer Mercedes und der Fahrer, ich sah ihn durch mein Nachtsichtgerät, war ein dürrer, groß gewachsener Mann, der angespannt auf sein Lenkrad starrte. Mein Blick, auf ihn und das Fahrzeug, war perfekt. Ich entschied mich etwas näher heranzugehen.
Als weitere fünf Minuten vorüber waren, stieg er aus dem Wagen aus und zündete sich eine Zigarette an. Der Mann war wirklich groß, ein knöchernes, markantes Gesicht, dass mich an den jungen Helmut Schmidt erinnerte, nur dass ihm der Genießerausdruck fehlte. Der Mann hatte etwas fliehendes, ängstlich-getriebenes.
Er hatte die Zigarette zur Hälfte geraucht, als sich ein dunkler BMW näherte. Wie ein Mensch einen anderen schien, der BMW den Mercedes zu erkennen und steuerte freundlich auf ihn zu.
Der Mann am Mercedes warf seine Zigarette weg.
Der BMW hielt links von ihm.
Ich machte mich bereit.
Aus dem Auto stieg ein kleiner, gedrungener Kerl mit runden Backen und schmalen Lippen, in der Hand einen schwarzen Koffer.
Ich zog die Glock.
„N´abend Leisler“, hörte ich ihn sagen. „Wartest du schon lang?“
„Geht. Hast du das Geld, Karlheinz?“
Der Kleinere stellte den Koffer ab. Wer die Szenerie aus etwas Entfernung und ohne Nachtsichtgerät verfolgte, bekam von dem Koffer nichts mit. Er sah nur zwei Männer die sich flüchtig unterhielten.
Dann bückte sich der Große.
„Mach schon Leisler!“ Drängte der Gedrunge.
„Ich will nur kontrollieren, dass da keine Zeitung drin ist.“
Er ging in die Knie und öffnete die Kofferschnallen.
Klack! Klack!
Ich startete Operation Parkplatz.
Im Augenblick, als Leisler den Koffer schloss und aufstand, trat ich aus meinem Versteck. Ich hielt die Waffe hoch und richtete sie auf den Kopf des Großen.
„Meine Herren, Sie entschuldigen mein unangekündigtes Auftreten. Aber ich würde den Koffer da gerne an mich nehmen.“
Der Große sah mich erschrocken an und drückte sich den Koffer gegen die Brust, der Kleinere wirkte nicht eingeschüchtert.
„Wer sind Sie?“ Fragte Leisler.
Ich lächelte unter der Sturmhaube.
„Das ist nett, dass Sie fragen. Normalerweise sind Leute die ich überfalle, immer unhöflich und wir kommen gar nicht dazu uns näher kennenzulernen. Aber heute – sehen Sie es mir nach: die Zeit ist knapp.“
„Gib ihm den Koffer!“ Befahl Karlheinz und ich zweifelte nicht, dass der Große gehorchte.
Es kostete ihn zwar Mühe, den Koffer von der Brust zu nehmen und abzustellen, aber er schaffte es.
„Damit kommen Sie nicht durch!“ Mahnte mich der Hagere.
„Lass ihn!“ Beschwichtigte sein Nebenmann. „Unser Leben ist wichtiger, als das Geld.“
Ich hätte es ahnen müssen. Es ging gut, bis ich den Koffer hatte. Es ging auch gut, als ich ihn nahm und mit ihm, in der linken Hand, drei Schritte zurück zum Zaun machte. Aber im Augenblick, als ich die Waffe senkte und mich abwandte, sah ich aus dem Augenwinkel, wie der Kleinere eine Pistole zückte, die mir lang genug schien, um mit einem Schalldämpfer versehen zu sein.
Ich rannte in Richtung des Waldstückes vor mir und quetschte mich eben noch erfolgreich durch den Zaun, als ein erster oder zweiter Schuss – ich war etwas zu abgelenkt, um mitzuzählen – mich erwischte.
Es war ein höllischer Schmerz, der mir das Gefühl vermittelte, meine linke Flanke müsse in Fetzen liegen, wie eine römische Legion, wenn ihr Germanen in die Seite fielen.
Ich riss die Glock heraus und schoss. Ich schoss etwa drei Meter über die beiden. Ich wollte niemand töten. Aber ich wollte sie erschrecken und ich wollte jetzt, alle mögliche Aufmerksamkeit auf die beiden lenken.
Ich sah nur kurz zurück. Aber ich sah, wie der Kleinere rasch seine Waffen verschwinden ließ und seinen Kompagnon in Richtung der Autos zerrte.
Gut, sie würden mir nicht folgen. Mehr war aktuell nicht zu gewinnen.
Wo ich hin musste, wusste ich. Ich dachte zwar, bei meiner Planung, in einem nächtlichen Dauerlauf, Richtung Erzhausen zu fliehen und nicht, wie Rambo von Sheriff Teasle verwundet, um mein Leben zu rennen – aber he!: ich war 400000 DM reicher, falls ich überlebte.

06/20 PGF

7 Kommentare

  1. …das dein Held kein Fluchtfahrzeug benutzt und die ‚Gegner‘ mit Schallschutz schießen…..naja – abwarten. Das wird sich sicher noch er, bzw. auf’klären‘ 🙂 Bin sehr gespannt auf die Fortsetzung…..

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    1. Nö. Nö, da klärt sich im Text nichts auf, das muss ich hier machen 😉

      Stimme aus dem Off: Ich hatte mich gegen ein Fahrzeug entschieden, um nicht durch Modell oder Nummernschild entdeckt werden zu können. Dass der Typ ne Pistole bei sich trug, mit Schalldämpfer? Klar der war Waffenhändler mit 400000 unterwegs, der ließ nichts anbrennen. (Off: off) 🙃

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      1. Stimme aus dem OffOff: Komisch dann, dass der Waffenfreak die Flanke dann nicht zerschmettert hat. Ich sag ja, es bleibt spannend… 🙂 Stimme aus dem OffOffOff: Daneben schießen – wenn der Waffenfreak ‚man nich dat Lenschn is…. ‚ :-))))

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  2. Puh… Also das Leben machte mit ihm was es wollte, aber eigentlich hatte er es heraus gefordert. Fragt sich, was draus wird 😉 Ob er überlebt und was wird mit Lena? In ein paar Tagen wird so ein Anschuss nicht zu erledigen sein. Nun denn… 🙂

    Schlaf gut, Peter

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