Frankfurt 95 (17)

17.

Für den Weg nach Erzhausen und dort zur Haltestelle Erzhausen, hatte ich, zu Fuß mit 45 Minuten gerechnet. Ich brauchte zwei Stunden. Aber, ich lebte noch, ich war noch bei Bewusstsein und hätte mir jemand Nadel und Zwirn gereicht, ich hätte wie John J. die Wunde an meiner Flanke selbst genäht.
Natürlich nicht! Ich konnte gar nicht hinsehen. Mir genügte das Gefühl meines Blutes, dass meinen Sweater tränkte und sich seinen Weg in Richtung meines Hosenbundes bahnte. So viel war klar: die Haltestelle Erzhausen war tabu, für öffentliche Verkehrsmittel war ich nicht länger zu gelassen.
Als ich in einem stillen Winkel, in der Nähe der Haltestelle eintraf, wagte ich einen ersten Blick auf meine Verletzung. Ich stellte den schwarzen Koffer neben mich und zog den Sweater hoch.
Die Wunde war, je nach Blickwinkel, unterschiedlich lebensgefährlich einzuschätzen. Nach meiner Auffassung war die fingerdick, klaffende Wunde oberhalb meines Beckenkamms tödlich und ich würde in den nächsten Stunden an einer Blutvergiftung, dem Blutverlust oder noch nicht entdeckter innerer Verletzungen versterben. Ein eher nüchterner Arztblick hätte vermutlich eine stark blutende, oberflächliche Hautverletzung, in Folge eines Schusses, diagnostiziert, die nach Naht mit zwei Stichen und festem Verband ad integrum ausheilen würde.
Da ich, mit dem, nur fiktiven Arzt, nicht diskutieren wollte konzentrierte ich meine Einschätzung auf zwei Punkte: Ich verlor Blut und ich hatte höllische Schmerzen. Es war zweifellos: ich brauchte Hilfe und dafür kam nur einer in Frage: Muschgl.
Als er eine Stunde später – es musste kurz nach sieben sein, denn ich sah eine Horde Schulkinder Richtung Haltestelle pilgern – mit einem geliehenen Opel, am vereinbarten Treffpunkt eintraf, sah er sehr ernst aus.
Er drängte mich ihm die Wunde zu zeigen, nachdem ich im Auto saß.
Etwas blass um die Nase, meinte er: „Du blutest joh. Is des Schwaddse Russ?“
Sein Blick steigerte meine eigene Besorgnis, aber ich gab mich cool.
„Nein, kein Ruß, dass ist Stoff von meinem Sweater.“
Ich dachte: Vielleicht sind es auch Schmauchspuren?
Ich fragte: „Hast du eine Idee?“
„Isch nemm disch mid, doann säje mer weider.“
Während der Fahrt wurde mir übel. Muschgl musste kurz anhalten. Ich erbrach mich in ein Gebüsch und wankte mit einem ausgeprägten Schwächegefühl zurück zum Auto.
„Gehr´s bei dehr?“
Ich nickte kraftlos. Wir fuhren weiter.
In Muschgls Loft angekommen breitete er eine Decke auf seinem roten Sofa aus, damit ich mich hinlegen konnte, ohne etwas mit Blut zu besudeln.
„Wilschde woas petze?“
„Nein.“
Mir war nach nichts, nicht mal nach Wasser.
Muschgl sah zu dem schwarzen Koffer, den wir mit hoch genommen hatten und nickte anerkennend.
„Du hoaschd´s geschaffd.“
„Ja und du erbst.“
„Ach noa.“
Wir schwiegen.
Mir wurde klar, was ich tun musste: Lena anrufen. Ich brauchte ihre Hilfe. Muschgl würde treu bei mir sitzen, wie ein Bernhardiner neben einem Erfrorenen und warten bis die Bergwacht kommt.
„Muschgl, du musst jemand für mich anrufen.“
„Wen?“
„Lena, ein Mädel, dass ich seit Kurzem date.“
„Unn du moanschde koannschd ehr trauen?“
„Ja“, sagte ich und dachte: ich habe nur nicht die geringste Ahnung, wie sie reagieren wird.

06/20 PGF

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