Frankfurt 95 (18)

18.

Lena war stinksauer.
Im ersten Augenblick hatte sie irritiert gewirkt und etwas befremdet, Muschgl näher betrachtet, dann hatte sie mein Anblick erschrocken und dann die Wunde geschockt.
Da ich zur festen Überzeugung gelangt war, sie in keinem Fall länger belügen zu dürfen, hatte ich ihr – auf die Frage was geschehen war – die Wahrheit gestanden.
Ab dem Moment war sie eskaliert.
Zum letzten Mal, hatte ich mich so gefühlt, als ich im zarten Alter von sechs, unter die Augen meiner Mutter getreten war, um ihr zu beichten, dass mein Experiment aus UHU Gold zu extrahieren, zumindest zum aktuellen Zeitpunkt, gescheitert war und bedauerlicherweise ein paar ernste Flecken auf dem Herd und in ihrem Lieblingskochtopf gab.
Meine Mutter, keine gütige Frau, aber nicht gewalttätig, hatte ihren Zorn, in einem ähnlichen Marsch durch das Zimmer, herunter gekühlt, wie es jetzt Lena versuchte.
Sie ersparte mir keinen vorwurfsvollen Blick und irgendwann hörte ich sie sagen: „Du bist ein verfluchter Narzisst.“ Aber ausfallend wurde sie nicht und sie ließ mich auch nicht einfach, in meinem Blut liegen, wie ein Metzger das Steak.
Muschgl war die Situation unangenehm. Er sah mich fragend an, weshalb ich diese Frau gerufen hatte. Was ich verstehen konnte, weil sie, wie eine böse Furie wirkte. Aber ich wusste es. Ich wusste es, wie als Kind, wenn ich mich den Konsequenzen meiner Taten gestellt hatte: Das war der einzige Weg wieder unschuldig zu werden.
„Ich kann es dir erklären.“ Warf ich ihr vorsichtig zu.
Ich war versucht auf den Koffer zu zeigen, aber ich ahnte, dass es für den Moment das schlechtere Argument war.
„Musst du nicht! Ich weiß selbst, was ich von jemand halte, der einen Raubüberfall begeht.“
„Des sinn awwer zwaa Halunke gewäse.“ Versuchte mich Muschgl zu unterstützen, fand aber keine Beachtung
Lena benötigt etwa fünf Minuten, um sich aus dem Racheengel zurück in jene zarte Lichtgestalt zu verwandeln, als die ich sie kennen gelernt hatte. Das mag niemand nachvollziehen können, aber ich verliebte mich, durch den Racheengel, noch mehr in sie als zuvor. Wie ein Buch, das eine überraschende Wendung nimmt, faszinierte mich ihre neue Seite.
„Du brauchst einen Arzt.“ Stellte sie schließlich fest. „Das sieht zwar nicht tödlich aus, aber man muss die Wunde nähen.“
Ich hob die Hand und schlug meine vorsichtigste Stimmlage an: „Ich kann schlecht zu einem Arzt-“.
„Kannst du! Er hat Schweigepflicht, wenn du keine Gefahr für die Allgemeinheit darstellst und unbewaffnet bist.“
Sie warf mir einen strengen Blick zu.
„Das bist du doch?“
Ich gestand ihr den Besitz der Glock.
Sie schnaufte genervt und entschied: „Die bleibt hier.“
„Aber zu wem soll ich gehen?“
Ihre Augen funkelten und ich ahnte, dass in ihrem Angebot, die Strafe bereits eingerechnet war.
„Zu meinem Vater. Der ist Unfallchirurg, als Belegarzt, mit eigener Praxis. Das bekommt er in seinen Räumlichkeiten genäht. Ich habe ihm schon als Teenager assistiert.“
„Aber du kannst mich doch nicht-“.
„Doch! Das kann ich! Anschließend erkläre ich dir, was du tun musst, damit ich jemals wieder ein Wort mit dir wechsle. Man kann einen Menschen enttäuschen, aber das lässt sich retten, aber, wenn man einen Menschen dazu gebracht hat, seine Zuneigung sterben zu lassen, dann ist es für alles zu spät. Ich bin gespannt, was du tust!“

06/20 PGF

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